Drinnen fand er schon den Tisch gedeckt, das Feuerchen knistern und seinen Sessel, den einzig bequemen, der im Hause war, zum Feuer gerückt. Wie gut sie für ihn sorgte! Ein Gefühl der Rührung beschlich ihn: ja, er hatte ihr wirklich zu danken, ohne sie hätte er doch nicht hier sein mögen! Dann wäre es doch sehr einsam gewesen auf der Fangeuse.
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Die Hirsche schrieen. Nun war es völlig Herbst. Nebelschwaden lagerten auf dem Wiesenplan, der Wind hatte genug zu tun, sie aufzustöbern und den schwarzen Tannen wie Schleier an die Zacken zu hängen; erst die Mittagssonne verjagte sie ganz. An Tagen, an denen die Sonne nicht schien, verschwanden die Schleier nicht, dann blieben sie hängen von Morgen bis Abend.
Bäreb sang schallend in der Küche; ihr machten die Nebel nichts, sie kannte die. Aber Josef saß verdrießlich innen; er konnte nicht heraus, der nasse Nebel legte sich ihm unangenehm auf die Brust. Er dachte daran, daß jetzt Heinrich bald heraufkommen würde. Und das war auch ganz gut! Aus dem Fensterchen vor Bärebs Kammer, vor dem in der Hecke ein kleiner Durchschlag war, hatte Heinrich früher einmal einen Hirsch geschossen, einen Vierzehnender, der im Sternenschein auf der Wiese stand und in die Tannen hineinschrie.
Brunftzeit. Die Tiere wurden frech. Als achteten sie gar nicht des Hauses der Menschen, so umzogen sie es bei Nacht; man hörte ihre Hufe trappeln, die dumpf den Boden schlugen. Das war Josef was ganz Neues, es regte ihn unbeschreiblich auf. Bei jedem leisen Orgeln, das nächtens und oft ganz aus nächster Nähe an sein Ohr drang, fuhr er zusammen. Dann lauschte er hinüber zu Bäreb: hatte sie es auch gehört?
Sie atmete ruhig, aber er blieb wach und horchte. Würde ein Alttier antworten? Mit erregter Phantasie malte er sich das Bild draußen aus. Da stand, nur durch die Hecke von ihnen getrennt, der majestätische Kronenhirsch auf dem Wiesenplan; seine unruhigen Schalen scharrten den Moorgrund, seine Stangen forkelten ihn auf – Moos und Grasbüschel flogen – er stampfte wild. Und dann hob er den zum Grund gesenkten, geweihbeschwerten, mächtigen Kopf, streckte den schwellenden Hals aus und schrie, schrie dumpf, drohend und begehrlich zugleich, schrie, daß das Echo zwischen den Tannen auftaumelte und nachschrie, daß die Ferne lebendig wurde. Das ganze Venn war voll Hirschgeschrei. –
Sie saßen im Haus, schier belagert von den brünstigen Tieren. Abends konnten sie gar nicht heraus. Bäreb wäre gern am Sonntag zu den Ihren hinuntergegangen – so lange war sie nicht in der Kirche gewesen, und wie mochte es der Mutter gehen, wie den Geschwistern, und was wohl die Maiblum machte?! – aber auch das ging nun nicht; denn kaum daß es dunkelte, hörten sie draußen ein Getrappel, ein Gestampf von Hufen und dann ein heiseres Orgeln, so laut, so anhaltend, so gewaltig, daß es ihnen in den Ohren dröhnte. Und eine Antwort dröhnte wider, so laut, so anhaltend, so gewaltig, daß sie erschraken.
Sie lugten durchs Fenster, sie sahen aber nichts. Waren das wirklich zwei Hirsche nur, oder waren’s ihrer viele? Ein ganzes Rudel schien draußen. Das war ein Toben, ein Stampfen, ein Schnauben, ein Schnaufen wie von einer Herde Ochsen, die, toll geworden, blind-wütend durcheinander rennt.
Das hielt an. Sie saßen im Zimmer zusammen und hatten nicht Lust, zu Bette zu gehen. Schlafen konnte man hierbei doch nicht. Bäreb fand zwar den Mut, vor die Haustür zu treten, in die Hände zu klatschen und laut zu schreien – das würde die Tiere verscheuchen – aber erschrocken, mit einem gellenden Aufkreischen sprang sie zurück und schlug krachend die Tür zu. Etwas Dunkles, Gewaltiges war an ihr vorübergeschossen mit heiserem Keuchen, sie hatte einen glühenden Atem gefühlt. Nun hatte sie Angst. Zitternd saß sie in der Stube.