»Janz allein!« Bräuer lachte auf. »Denken Sie vielleicht, ich bin bang? Wenn ihn einer kriegt, krieg ich ihn. Und ich werd mich doch nit so blamieren!«
Die Zähne zusammenbeißend, knurrte er böse. Und dann, die Blicke umherschießen lassend, schrie er plötzlich auf: »Wer hat denn hier genächtigt? Wat is dann dat?«
Vergebens hatte Josef versucht, ihm den Blick in die Küche zu versperren. Der viel größere Mann guckte ihm über die Schulter weg.
Mit mächtigem Satz war der Aufseher in der Küche, mit einem zweiten bei der Lagerstatt, mit einem dritten beim Fenster – ein Blick genügte ihm: da hing ja noch ein Fetzen, und das Gefüge der Hecke zeigte deutlich den Durchbruch! »So,« sagte er eiskalt und maß den Erschrockenen mit durchbohrendem Blick, »Sie haben ihm Unterschlupf jejeben, diese Nacht, Sie –«
Josef wollte ihn unterbrechen, etwas sagen von ›krank‹, von ›entsetzlichem Zustand, dem er sein Mitleid nicht habe versagen können‹, aber Bräuer schnitt ihm die Rede ab: »Ich versteh, versteh, Sie sind ’ne Mensch – aber ich bin ’ne Aufseher. Kommen Sie mal mit! Nach wozu is er dann?«
Er nötigte Josef vors Haus, ließ ihm kaum Zeit, sich Mantel und Kappe herzulangen. Sie standen draußen auf dem Wiesenplan, aber nach welcher Richtung der Flüchtling gelaufen war, davon hatte Josef keine Ahnung. Wahrscheinlich dem Grenzbach zu.
Der Aufseher lief wie ein flüchtiger Hirsch, er machte weite Sätze. Josef hatte ihm längst nicht mehr zu folgen vermocht, obgleich auch ihn die Aufregung vorwärts trieb und seine Kräfte verdoppelte.
Es war eine wilde Jagd über den Wiesenplan, zwischen den Tannen durch, durch Gestrüpp und Geröll, über gestürzte Baumstämme, durch vermoorte Wasserläufe, immer abwärts zum Grenzbach.
Da war ja Blut! Eine rote Lache auf schwarzem Grund! Josef stutzte plötzlich: war hier ein Wild getroffen worden?
Ein Grausen überkam ihn, er rief nach dem Aufseher; der war nicht mehr zu sehen. Keine Antwort wurde ihm. Er rannte wieder weiter und sah sich scheu dabei um: wo hetzte jetzt der Unglückliche hin, ohne Schuhe, nur in Strümpfen, und ohne Rock? Wo würde ihn der Aufseher fassen? Wenn er jetzt hier, bei ihm, durchs Gebüsch bräche, er würde ihn ruhig laufen lassen, ihn sicher nicht festhalten.