Josef lauschte nach der Küche hinüber; er ging noch einmal auf den Flur und legte sein Ohr an die Küchentür: drinnen alles still. Nein, jetzt ein Stöhnen, und dann ein Husten, so hohl und rauh, daß es dumpf zwischen den Wänden hallte.
Zwei-, dreimal noch in dieser Nacht lauschte Josef so an der Küchentür. Immer noch drinnen ein Stöhnen. Endlich ein Schnarchen, rasselnd und raspelnd wie eine Säge, die durch widerstrebendes Material sich schwer durcharbeitet. Aber der arme Kerl schlief doch wenigstens!
Mit einem Gefühl der Erleichterung taumelte Josef in die Stube zurück. Auch er war todmüde. Frostschauer rüttelten ihn beim erlöschenden Feuer, aber seine erregten Nerven ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.
Endlich mußte er doch eingeschlafen sein. Träumte er noch oder war er schon wach? Hörte er nicht Simon Bräuers Stimme?!
»Hela, holla, aufgemacht!« Mit kräftiger Faust wurde gegen die Tür gepocht. Das dröhnte durchs Haus wie ein Donnerschlag. Josef fuhr auf, so rasch es seine im Sitzen steif gewordenen Glieder zuließen. Das galt seinem Schützling!
Er stürzte auf den Flur – die Küchentür lag weit in den Angeln zurück, beim Herd die zerwühlte Strohschütte, die hastig abgeworfene Decke. Ein Zugwind fuhr wie ein Messer durchs offenstehende Küchenfensterchen, klappte mit der Tür und winselte im Raum. Die Küche war leer. Der Sträfling fort. Durchs Fensterchen, nach der Rückseite zu entwichen. Josef glaubte noch ein Rascheln im dürren Laub der Hecke zu hören und ein Brechen im Astwerk – oder tat das der Wind, der sich neu wieder aufmachte? –
Simon Bräuer suchte den ihm seit vorgestern Abend abhanden gekommenen Sträfling. Er fluchte. Da war es noch schönes Wetter gewesen, die Kerls hatten alle ruhig auf dem Venn gearbeitet, der vermaledeite Halunke auch; er war dessen so sicher gewesen, er hatte ihn ruhig sich entfernen lassen, ein wenig abseits gehen von den anderen.
»Ich denk, de muß mal austreten. Ich laß ihn. Ich seh ihn hinter den Busch jehen, den Schweinigel. Er kömmt lang nit wieder. Wo bleibt de? Ich ruf, ich schrei. Zum Donnerwetter noch mal, legt sich dat faule Luder hin und läßt sich die Sonn auf den Buckel scheinen! Et war Abendsonn, aber noch janz wärmlich. Ich steig hinter den Busch – kein Jacobs da. Zum Kuckuck – wo? Ich kuck mich rasch um. Da kommt die kleine Huesgen aus den Tannen hinter der Ley heraus, sie singt und sucht von den gelben Blumen. ›Haste ’ne Kerl jesehn?‹ Da nickte sie und winkt mit dem Kopf nach ’m offnen Venn. Und ich seh ihn noch laufen. Aber de war zu weit fort, eh ich schießen konnt. Und in der Nacht war nix mehr zu machen. Aber ich krieg ihn doch. Mir is et nit bang drum!« Simon Bräuer schickte noch einen greulichen Fluch nach.
»Seit jestern hab ich die Spur – in der Schonung hat der Lauskerl jelegen – über die Jrenz is er noch nit. Dem werden die Kaldaunen schon so zusammenjeschnurrt sein, dat de froh is, wieder unterzukriechen bei Wasser und Brot!«
So viele Worte hintereinander hatte Josef noch nie von dem Aufseher zu hören bekommen. Der Mann war erregt, man sah’s an seinen blitzartig umherfahrenden scharfen Blicken und an einem Zucken der Muskeln im sonst so eisernen Gesicht. Er schien ganz allein zu sein. Es wunderte Josef, keinen Gendarmen bei ihm zu sehen. »Sind Sie denn allein?« fragte er zögernd. Ah, vielleicht war es dann doch noch möglich, daß der arme Teufel entwischte!