»Sie schienen mir diesen Winter doch ganz zufrieden. Das sagte auch der Aufseher. Warum denn nun auf einmal nicht mehr?«

»Et wird Frühling,« stieß rauh der Sträfling hervor. Und dann hustete er, so entsetzlich, so erbärmlich, daß es den anderen durchschauerte, stützte beide Arme auf den Tisch, den Kopf zwischen die Hände und sagte kein Wort mehr.

Bäreb flüsterte hinter der Tür mit ihrem Herrn: ach nein, nein, den nicht hier behalten! Da wollte sie lieber jetzt bei Nacht ganz allein übers Venn bis hin zur Strafkolonie rennen und den Aufseher holen. Mochte der ihn in Ketten legen! Aber Josef sagte kurz: »Er bleibt hier, ich bin kein Verräter. Siehst du denn nicht, daß der arme Teufel dazu noch krank ist?«

Krank schien der Rotkopf in der Tat, wie Fieber glühte es ihm aus den Augen; dabei schüttelte ihn immerwährend der Frost, seine Borsten standen gesträubt.

Josef kannte das: ah, diese Frostschauer waren schrecklich, die man sich im Venn holte! Mit einer Geschäftigkeit, die er sich selber nicht zugetraut hätte, bereitete er dem Frierenden ein Lager in der Küche. Bäreb entschloß sich nun doch, eine Schütte Stroh aus dem Holzstall herbeizuschaffen, und eine überflüssige Decke fand sich auch noch. Ein paar Strümpfe und eine alte Hose gab Josef her; um den halbnackten Menschen schlotterten nur noch Fetzen, das dichte Gestrüpp der Schonung hatte ihm alles vom Leibe gerissen. Seine Holzschuhe hatte er gleich in der ersten halben Stunde verloren, er war in Strümpfen gelaufen durch den Morast. Eine triefende Spur bezeichnete seinen Tritt und Stand, es war von ihm abgeflossen wie ein schlammiger Bach.

Nein, diesen Hilfesuchenden konnte man nicht hinausstoßen. Der kam jetzt nicht mehr weit, nicht bis zum Grenzbach; schon an den Tannen sank der um! Josef glaubte nie etwas Jammervolleres gesehen zu haben.

Er empfand keine Furcht, als er die Küchentür hinter dem Sträfling geschlossen hatte und sich nun allein in der Stube befand. Bäreb hatte er sich hinlegen heißen, er hörte, wie sie ihre Kammertür verriegelte und verschloß – zum ersten Mal. Nun hätte das nicht mehr nötig getan! Bäreb konnte so ruhig schlafen wie unter ihres Vaters Dach. Der elende Mensch würde ihr nichts anhaben – und er?! Er hörte sie sich werfen und zitternd seufzen; sie fand keinen Schlaf. Aber das erregte ihn jetzt nicht mehr.

Er ging zu seinem Sessel und ließ sich da nieder. Das Feuer war im Verglimmen, schon wurde es kalt in der Stube; er warf neuen Torf auf und stocherte im Ofenloch, bis die Glut sich wieder entfachte. So würde er sitzen und wachen die ganze Nacht, dem Knacken und Knistern im Ofen lauschend, bis alles ausgebrannt war, tot und leer, bis im Morgengrauen der Sturm sich legte und es ruhig über den Tannen ward.

Josef stützte den Kopf, er war ihm schwer, und er fühlte ein Beben in den Knieen. Das war doch noch über seine Kraft gegangen. Aber er dachte jetzt nicht mehr wie so oft über sich nach, er dachte an den Elenden in der Küche. Was sollte er mit dem armen Kerl anfangen?!

Allerlei phantastische Pläne tauchten in Josef auf. Wenn er ihn morgen nun bis zur Grenze führte, ihm Geld gab, daß er sich drüben weiter forthelfen konnte? Ach, der war viel zu kaputt, der kam ja nicht weiter. Und er selber war auch noch nicht stark genug, sich durch die Wildnis des Grenztals durchzuarbeiten. Er kannte auch den Weg gar nicht. Es würde nur ein Irre-Laufen zu zweien sein. Bäreb würde sich schon eher zurechtfinden, sie hatte den Instinkt der Venn-Bewohner, aber konnte er sie allein mit dem Sträfling schicken? Der Kerl hatte ein Gebiß wie ein Wolf und grünliche unstete Raubtieraugen.