Josef war aufgesprungen, er ging zur Tür, aber Bäreb drängte sich an ihn: nein, allein ließ sie ihn nicht gehen, wer weiß, wer es war, der da Einlaß begehrte! Sie zitterte.
Er zitterte auch; aber nicht aus Furcht, er fühlte des Mädchens Körper an sich. Ohne zu fragen, wer Einlaß begehre, schloß er die Tür auf, und hätte sie doch gern gleich wieder geschlossen. Denn kaum öffnete sie sich spaltbreit, so drängte sich auch schon einer herein und schlug die Tür wieder zu, als seien Verfolger draußen, und warf wild-rollende Blicke um sich im nur spärlich-beleuchteten Flur.
Ein Strolch, ein Vagabund, eine scheußliche Fratze – der Rotkopf aus der Strafkolonie!
Sie erkannten sich beide. Unwillkürlich war Josef einen Schritt zurückgewichen: das war kein angenehmer Besuch.
Aber über des Blassen verelendetes Gesicht ging ein Grinsen. »Herr,« sagte er heiser – es sollte bittend klingen, aber es war zugleich etwas Drohendes darin – »Sie werden mich nit verraten. Ich – ich bin dervonjelaufen. Ich hab – ich wollt –«
Das Weitere verlor sich in einem von röchelndem Husten erstickten Gemurmel. Der Mensch ächzte; er schnappte nach Luft. »Ich bin so jerannt – en janze Nacht schon – den Tag hab ich in der Schonung jelegen – ich kann die Jrenz nit finden. Er is hinter mir. Aber nit wieder zurück – och, Herr, sein Se so jut, nit wieder zurück!« Von Schauern gerüttelt, sich windend wie in einem Krampf, packte er Josefs Rock.
»Kommen Sie doch herein,« sagte Josef und drängte die entsetzte Bäreb, die sich an ihn klammerte, von sich ab. »Geh in die Küche, mach Kaffee warm!« Und dann ließ er den zerlumpten Kerl vor sich her in die Stube treten.
Der zitternde Mensch sank auf die Bank hin, auf der vorher Bäreb gesessen hatte. Er war völlig erschöpft; er war kaum imstande, den Kaffee zu trinken, den Bäreb mit scheuen Blicken hereintrug. In kleinen Schlucken nur brachte er ihn herunter. Vierundzwanzig Stunden hatte er nichts genossen; es gab noch nichts, noch gar nichts im Venn, nicht Beeren, nicht Vogeleier. Und das schmutzige Wasser der Lachen war ihm wie Eis in den Magen geronnen, es hatte ihm Übelkeit und Leibschneiden gemacht.
»Warum sind Sie denn weggelaufen? Überhaupt jetzt?!«
Keine Antwort. Ein scheu-lauernder Blick nur streifte Josef bei dieser Frage.