Seine Phantasie malte sich rege alle möglichen Situationen aus. Nun glaubte er auf einmal zu wissen, was in dem tiefen Dunkel ihrer Augen lauerte. Es überkam ihn ein Mitleid mit ihr und zugleich ein heftiges Verlangen; sie erschien ihm wieder reizvoll, so reizvoll wie früher, vielleicht reizvoller noch. Aber jetzt wehrte er sich kaum mehr gegen diesen Reiz. – –
Es regnete den ganzen Tag in nicht endenwollenden dichten Strömen. Es war, als käme eine Sündflut. Schwarz hingen die Wolken über der Fangeuse, das Dach fast erdrückend mit ihrer Schwere.
Er saß einsam. Es wollte ihn bedünken, als traue sich Bäreb nicht herein zu ihm. Da rief er sie. Und sie kam, wie immer, gehorsam, mit dem alten freundlichen Gesicht; und doch glaubte er zu bemerken, daß sie seinen Blick mied, daß sie in einer gewissen Scheu auf ihrem Platz saß. Es war ihr alter Sitz, dieselbe Bank, aber sie, die darauf saß, war nicht dieselbe mehr. Unruhig atmete sie, auf ihren Wangen kam und ging das Rot. Das Licht der Lampe fiel voll auf sie, er sah jeden Zug in ihrem Gesicht. Aus dem Halbdunkel der Ecke, den Kopf aufgestützt, belauerte er sie hinter der vorgehaltenen Hand.
Sie seufzte zitterig. Er seufzte auch. Keiner von ihnen sprach ein Wort.
Draußen goß der Regen, es tobte der Frühlingssturm und rüttelte am einsamen Haus trotz der Hecke. Das war ein Blasen des losgelassenen Westes über den Wiesenplan, ein Orgeln des Sturmes in den Tannen. Die gleiche Musik wie dazumal, als die Hirsche schrieen. Josef mußte daran zurückdenken. Und er verspürte auch die gleiche Unruhe wie dazumal, dasselbe Kreisen des Blutes, dasselbe Treiben – aber wozu sich jetzt noch wehren gegen den Trieb?! Wenn er jetzt die Arme ausbreitete, wenn er jetzt so auf sie zuginge?! Sie würde ihm nicht entweichen, er brauchte sie nur zu nehmen, sie würde – – –
Da – sie erschraken beide heftig. Josef setzte sich hastig nieder auf seinen Stuhl, von dem er sich schon halb erhoben hatte.
»Et klopft,« flüsterte die zitternde Bäreb.
Draußen am vorgelegten Laden tastete was. Jemand versuchte, ihn zu öffnen. Und dann tappten Schritte an der Wand entlang zur Haustür.
Nun hörte man wieder nichts, der Wind tat zu gewaltig; er heulte, als wollte er die ächzenden Tannen ausraufen und mit dem Haus zusammen auf einen Haufen schleudern.
Aber jetzt rüttelte es an der verschlossenen Tür, eine Stimme wurde hörbar, recht kläglich: »Macht mir doch auf! Jesus Maria Josef!« Es klang, als ob ein Hund winselte.