»Gegrüßet seist du, Maria,
Gebenedeite unter den Weibern –«
»Heilige Maria, bitte für uns,
Jetzt und in der Stunde unseres Todes!«
Unablässig, sich immer wieder erneuernd, klang das murmelnde Beten. Die Glocke dröhnte mächtig dazu, mit gemessenem, schwerem Anschlagen. Vor einer langen Reihe schwarzgekleideter Frauen her wankte die Witwe. Man konnte ihr Gesicht nicht sehen; sie hielt es verborgen hinter dem schwarzgeränderten Taschentuch, das sie sich vor die Augen preßte, und hinter dem dichten Kreppschleier, der, vorn und hinten, lang bis zum Saum des schleppenden Kleides, niederfiel.
Sie schien wirklich aufrichtig betrübt! Der kleine Leutnant machte einen langen Hals, aber er konnte nichts von ihr erblicken, als über der Pelzboa ein Streifchen der Haut im Nacken, die trotz des schwarzen Schleiers weiß schimmerte, und ein Weniges von dem blonden Haar, das ein Strählchen der Morgensonne jetzt vergoldend küßte.
»Heilige Maria, bitte für uns,
Jetzt und in der Stunde unseres Todes!«
Die Chorknaben schwangen den Weihrauchkessel. Der Sonnenglast drückte nieder, es war trotz früher Jahreszeit eine schwere Luft in der Gasse. Der Weihrauchdunst konnte nicht höher steigen als bis zum ersten Stockwerk der schieferbekleideten, hochgegiebelten Häuser, die in zwei gepreßten Reihen sich so nahe gegenüberstehen, daß sie sich bis ins Herz hineinsehen können.