An allen Scheiben Neugierige. Über Töpfe mit blühenden Zimmerblumen weg reckten sich Mädchenköpfe aus geöffneten Fenstern. »Ha, ’ne finge Liechezog, ’ne finge jruße!« Die Helene konnte sich wirklich was einbilden; wer da alles mitging! Sie machten sich gegenseitig aufmerksam auf den und jenen: »Jesses Maria un Jusep, nee, ooch der Landrat!« Ein hübscher Herr und sehr vornehm, der von Mühlenbrink! Ein schöner Mann! Beinahe so schön wie der von Scheffler mit dem aufgedrehten Schnurrbart. Der kleine Leutnant konnte dagegen nicht an, von den anderen gar nicht zu reden.

Als fühlte Landrat von Mühlenbrink alle auf ihn gerichteten Blicke, so ging er, behutsam, mit kleinen Schritten. Er sah nicht auf. Es genierte ihn doch etwas, hinter diesem Sarge herzugehen. Aber was tut man nicht! Hier hieß es, mit den Wölfen heulen, und des war er sicher, heute würde seine Popularität erheblich steigen. Auch hierdurch macht man sich Stellung. Und er wollte sich Stellung machen, um jeden Preis. Ein Landrat, der in seinem Kreise populär ist, ist wie ein König. Und dieser Kreis war interessant genug, er stellte Anforderungen, er brauchte eine ganze Kraft. Und war er denn nicht diese Kraft? Gewiß! Sonst hätte man ihn doch nicht hierhergesetzt. Er war noch jung, es war eine Auszeichnung – einen so großen Kreis! Es gab hier vieles zu schaffen; vorerst galt es einmal mit dem alten Schlendrian aufzuräumen, in diese teils kleinstädtische Enge, teils verdummte Bäuerischkeit Licht und Luft zu bringen. Und dann –?! Er hob den Kopf. Wenn es erst hieß: »das hat unser Landrat ins Leben gerufen, das haben wir dem zu verdanken – unser Landrat, unser Landrat« – ah, was ließ sich auf diesem so lange verabsäumten Boden nicht noch alles schaffen, ins Leben rufen! Ein tiefer Atemzug wölbte seine Brust. Eine Fülle segensreicher Einrichtungen! Unwillkürlich reckte er sich: nein, er vergab sich nichts, hinter diesem Sarge herzuschreiten; das schaffte Vertrauen, und Vertrauen muß sich einer erwerben, der wirken will! Sie gingen ja auch alle mit – wahrhaftig, da hinten ja auch der Bürgermeister von Heckenbroich!

Er hatte sich flüchtig umgesehen, ihm war, als ruhe ein langer, fester Blick ihm im Rücken, und er hatte sofort den Mann bemerkt, der die anderen, die vor und neben ihm schritten, um Haupteslänge überragte. Den mußte er doch gleich nachher einmal abfassen! Der machte sich ja so rar hier unten!

Der Zug, unter Gebet und Glockengeläut, war jetzt zur Stelle gelangt, wo der Weg sich teilt. Rechts steigt das Gäßchen zum Kirchhof hinan, links führt eine Straße zum Bahnhof hinauf. Hier, wo die Träger wechseln, pflegen die abzuschwenken, die der Höflichkeitspflicht Genüge getan haben; nur die nächsten Leidtragenden folgen in schmaler Prozession, wie ein schwarzer Wurm unter den fast überhängenden letzten ärmlichsten Häusern des Städtchens hinkriechend, der Leiche die steile Felsstiege hinan. Schon drückte sich da einer und dort einer; man pflegte das meist heimlich zu tun, wie unabsichtlich ein wenig zurückbleibend, aber heute verstellte ein Trupp Männer die rettende Ecke.

Sie standen da und gafften mit stumpfen Augen den Zug an. Fünfzehn Männer in Drillichkitteln; einer wie der andere mit geschorenem Kopf. Und bei ihnen, mit dem Falkenauge sie überwachend, ein schwarzer Kerl, nicht vertrauenerweckender als sie; auch in einer ihren Kitteln ähnelnden Drillichjacke, in Militärhosen und mit einem Karabiner über dem Rücken. Das war der Aufseher, und das waren die Gefangenen.

Aha! Der Landrat kniff die Augen halb zu und trat dann rasch näher. Da war ja der avisierte Kolonisationstrupp! Schon?! Er hatte die Leute eigentlich etwas später erwartet. Aber auch gut so, das Wetter war ja fast frühlingsmäßig, als ob es schon April wäre und nicht erst März. Es konnte immerhin begonnen werden! Mit der Miene des Vorgesetzten musterte er den Aufseher. Der Mann gab ruhig seinen Blick zurück.

Mühlenbrink räusperte sich. »Ich bin der Landrat! Wie heißen Sie?«

»Bräuer.«

»Sie kommen soeben mit dem Morgenzuge von Aachen?«

»Ich habe mich bei der Polizeibehörde zu melden.« Eine gewisse Unlust knurrte in des schwarzen Mannes Stimme, man merkte es ihm an, er liebte es nicht, ausgefragt zu werden.