Mühlenbrink hatte es sich nicht versagen können, selber nachzusehen, es war ihm denn doch zu wichtig, was die Herren konstatierten. Nun triumphierte er: aha, wer hatte nun recht gehabt?! Hatte er’s nicht hier dem verehrten Freund schon mehr als ein Dutzend Mal gesagt: eine Wasserleitung muß gebaut werden?! Das war wirklich ein Glück, daß er sich so dahinter gesetzt hatte. Angenehm war freilich die Mission, Besserung der Verhältnisse und höhere Kultur zu schaffen, nicht; man erntete selber nie Dank! Er sagte das nicht ohne Bitterkeit; der allzu Rührige hatte schon seine Erfahrungen gemacht.
»Ein schöner Kreis, ein interessanter Kreis! Aber wie vieles noch im argen!« Er seufzte. »Den Typhus werden wir hierzulande nie ganz los, die Verdummung der Leute geht eben über die Hutschnur. Als ich aus meinem früheren Kreis, aus Ostpreußen, hierherkam, war ich ganz paff. Ich bin doch auch ein gläubiger Christ, aber so etwas wie hier ist mir denn doch noch nicht vorgekommen. Das ist schon verbohrt!«
»Und wir werden doch nit die Wasserleitung bauen, und wenn uns die Rejierung sojar die Hälft dazu jäb,« sagte Leykuhlen plötzlich energisch und reckte sich unwillkürlich. Alles, was in ihm war, empörte sich. Dieser junge Mann, dieser Hans in allen Gassen, dieser nannte sich einen rechtgläubigen Christen und wagte es doch, so zu sprechen?! »Ich will Ihnen wat sagen, Herr Landrat,« sprach er geradezu, und der Trotz, der sich in ihm rührte, gab seinem Ton Härte und Schärfe. »Herr Landrat, Sie haben ja jar kein Ahnung, wat unser Bauer bedarf und wat er nit bedarf. Dat muß ich besser wissen. Sein Jlaube macht ihn jlücklich und zufrieden – Ihre Wasserleitung kann ihn weder jlücklich noch zufrieden machen. Ich pfeif auf Ihre Wasserleitung und auf all dat, wat drum und dran hängt!«
Das war stark! Ein saugrober Eifler! Die Herren sahen sich einen Moment ganz verdutzt an.
Der Landrat wurde blutrot, aber dann faßte er sich gewandt: nur es nicht mit dem Mann verderben, der war doch zu wichtig! Einlenkend legte er dem Erregten die Hand auf den Ärmel: »Lieber Herr Bürgermeister, Sie scheinen zu glauben, daß mir das Wohl und Wehe des Bauern hierzulande nicht ebenso am Herzen liegt, wie Ihnen? Da sind Sie sehr im Irrtum. Ich denke Tag und Nacht darüber nach, wie man glückliche Wandlungen schaffen könnte. Es ist nötig, glauben Sie’s nur! Sie selbst sind doch von einer viel zu hohen Intelligenz, um nicht einzusehen, daß der Eifler nicht so fortwirtschaften kann wie vor dreißig Jahren. Um Gottes willen, nur keine Mißverständnisse, lieber Leykuhlen!« Er nahm sein Glas und führte es an das Glas des anderen. »Wir alle sind hier ja Pioniere, Apostel, wie Sie’s nennen wollen, wir alle wollen das Beste bringen. Das öde Venn, es wandle sich in fruchtbarere Gefilde! Prosit! Auf unser Vennland!«
Der Bürgermeister konnte nicht anders, er mußte anstoßen, aber er tat es mit einem so starken Stoß, daß er Wein verschüttete. Die Frau kam rasch mit einem Tuch, das Naß von der Decke zu wischen, er wies sie zurück: »Laß nur, Mariechen!«
Er war blaß geworden; man sah es trotz des gesunden Braunrots, das sein Gesicht so gleichmäßig überzog. Er biß sich auf die Lippen. »Herr Landrat,« sagte er dann ruhiger, aber man spürte in seinem Ton noch den Groll, »Sie sind redejewandter als ich, Sie wissen Ihre Worte zu setzen. Herr Landrat, aber janz herausreden können Sie sich doch nit. Jewiß, Sie mögen et jut meinen, ich verkenn dat jar nit; Sie denken darüber nach, wat besser sein könnte hier – vieles, dat sag ich auch. Aber wir hängen nu mal am Herjebrachten; dat hängt auch viel zu sehr mit dem zusammen, wat unser Teuerstes ausmacht, als daß sich dat herausreißen ließ ohne Schaden. Sie sagen, Sie lieben unser Land – jut, Herr Landrat, Sie lieben es, aber mit dem Verstand. Sie wollen schaffen, erneuern, sich betätigen, ausjestalten, Ihre Ideen ins Werk setzen. Ich, Herr Landrat,« – er schlug sich auf die Brust mit Heftigkeit – »ich aber lieb es mit der Seele. Und dadrin liegt der Unterschied. Und darum versteh ich Sie manchmal nit und Sie mich nit. Nühst für unjut, Herr Landrat!« Ein Beben war in seine starke Stimme gekommen; er streckte, sich selber überwindend, dem soviel jüngeren Manne die Hand hin.
Mühlenbrink schlug ein und lächelte, wenn auch mit einer gewissen Bittersüße. Sie schüttelten sich die Hände.
Die Debatte war geschlossen, aber eine angenehme Unterhaltung wollte doch nicht in Fluß kommen. Die Herren tranken aus und empfahlen sich; sie hatten heute noch viel zu tun, in einem Tage war’s ohnehin kaum zu schaffen. Der Landrat begleitete sie, er forderte auch den Bürgermeister auf, mitzukommen. Dieser lehnte ab; aber als sie eine halbe Stunde fort waren und er am Fenster gestanden hatte und auf das Glas getrommelt, ging er ihnen doch nach. – – –
Es wurden mehr Brunnen im Dorfe geschlossen, als man anfänglich vermutet hatte; gut die Hälfte der vorhandenen. Die Heckenbroicher waren außer sich: nun mußten sie, Gott weiß wie weit laufen und die schweren Eimer Wasser schleppen, während sie es sonst so bequem gehabt hatten, gleich hinter dem Stall. Und das war noch weniger angenehm, immer beim Nachbar drum ansprechen zu müssen – jeder für sich – man mochte bei aller getreuen Nachbarschaft es auch nicht gern, wenn einem immer einer hinter die Hecke gelaufen kam.