Die Höfen, die halbblinde Witwe, fiel den Bürgermeister förmlich an, als er eines Tages an ihrem Hause vorbeiging und sie, gerade vom Nachbar kommend, einen Eimer Wasser hinter ihre Hecke schleppte. Da hatte der Gendarm ihr gestern einen Brief ins Haus gebracht – »Maria Jusep! So ’n Onjlöck, so ’n Onjlöck!« Nun sollte sie ihren Brunnen ausschachten lassen und ummauern, sonst blieb er für immer geschlossen und sie durfte nie, nie mehr daraus trinken. Ihr Brunnen! Ihr Josef selig hatte das Wasser immer so gerühmt, er hatte sich noch daran gelabt, ehe er mit dem Gaul ins Venn gefahren war. Ihre Mutter selig hatte daraus getrunken – ihr Sohn, ihre Tochter, die an der Krankheit gestorben war – die Lieben alle, die sie auf dem Kirchhof liegen hatte, und der Lennerd auch, der jetzt in Amerika war, und ihre Bill, die nach Köln weggeheiratet hatte. Und nun sollte sie nicht mehr daraus trinken?! Aus ihren erblindenden Augen flossen Tränen.

Es erbarmte Leykuhlen. Aber was sollte er machen? Überall der gleiche Verdruß. Aus diesem Haus und aus jenem gingen ihn die Besitzer an, er sollte doch machen, daß die Sperre aufgehoben würde. Man brauchte das Wasser, jetzt, da Pfingsten so nahe war, doppelt; man wollte waschen und scheuern und Brotteig einmachen, man hatte zu tun und konnte das Wasser nicht so von weither schleppen.

Aber der Landrat blieb fest: »Mein lieber Bürgermeister, dabei kann ich gar nichts machen, so gern ich Ihnen auch gefällig sein möchte.«

»Und daran sind Sie schuld,« grollte Leykuhlen. Er war sehr verstimmt; er hatte sogar Stunden, in denen er sich Vorwürfe machte, doch nicht lieber die Wasserleitung statt der Kirche gebaut zu haben. Aber wenn er sie dann aus dem Giebelfenster seines Hauses wieder ansah, war es ihm, als habe er in seinen Gedanken ein Unrecht begangen. Das Geläut der Glocken dröhnte ihm wie eine Mahnung – zu bezahlen waren sie ja noch, aber wenn man die Gemeindejagd gut verpachtete, trug man die Schuld schon ab. Sie läuteten ihm Friede und Freude ins Herz.

Sie läuteten das heilige Pfingstfest ein. Überall war geschmückt mit Maien. Am Kircheneingang standen zwei ganze Bäume, ihre silbrigen Stämme und das zarte Blattgrün zierten wunderschön das dunkle Portal.

Birken gabs genug auf den Ödländereien von Heckenbroich, auf hungrigem Boden, wo kein anderer Baum mehr fortkommen wollte. Nach dem Schießplatz zu waren ganze Trupps zu finden, die ihre langen Haare im streichenden Winde wehen ließen.

Etwas erhöht, auf einer Erdwelle stand eine besonders große Birke, ganz einsam, weit hinragend, hoch wie eine Stange. Den einzigen starken Ast, der sich vom Wipfel abkrümmte wie ein gebogener Arm, streckte sie weit von sich. Hier war immer der Platz des Kommandierenden, wenn auf der weiten Heidefläche sich die Parade entwickelte, und die verschiedenen Truppenkörper in ihren verschiedenen Uniformen die endlose Monotonie belebten. Hier standen auch die Offiziere, um die Wirkung der neu zu erprobenden Geschütze zu konstatieren. Und hier, ›am krummen Ast‹, stand auch oft Hans Abeking, am Abend des großen Schießens, wenn seine Leute das Gelände nach verlorenen Geschossen und auf Blindgänger absuchten.

Er starrte träumerisch in den sinkenden Sonnenball. Von hier aus gesehen war die Heide ein Meer mit Wellen und Wellchen, und die Sonne tauchte unter wie ins große Wasser, die ganze Flut rotfärbend mit ihrer Glut. Die Augen gingen ihm über. Heut dachte er an seine Mutter und an seine Schwester, die mit einem ebenso jungen Leutnant, wie er einer war, verlobt war, und er ärgerte sich, daß er unten bei Helene so viel Geld ausgab, sich gänzlich verausgabte und doch noch Schulden hatte bei seinem Freund Scheffler und sogar bei dem dicken Stabsarzt. Das war scheußlich! Die Mutter knappte sich die Zulage ab; er wußte das, wenn sie’s ihm auch nie sagte. Er machte sich die größten Vorwürfe: wahrhaftig, er war es wert, an diesem krummen Ast aufgehängt zu werden! Mit verschleierten Blicken maß er den einsamen Baum.

Aber dann sah er hinüber zum Lager, dessen Wellblech-Baracken jetzt im sinkenden Licht all ihre Nüchternheit verloren hatten. Die platten Dächer sprühten nicht mehr Funken wie unterm erbarmungslosen Mittagsstrahl, sie erglänzten jetzt gleich mattem Silber, und freundlich aus den paar Tannen heraus blinkte das weiße Kasino. Bei aller Knappheit war es doch famos, Offizier zu sein!

Abeking seufzte auf: nein, er hätte sich doch in keinen anderen Beruf hineindenken können. Sein verstorbener Vater war Militär gewesen, Großpapa auch – warum sollte nicht auch er Karriere machen, wie die beiden sie bei verhältnismäßig jungen Jahren doch schon gemacht hatten?! Und Schulden würden sie auch gehabt haben – überhaupt, was machte das, so ein paar kleine Schulden? Es ging gar nicht anders.