Sein Blick strahlte auf: morgen, Pfingstsonntag, fuhren sie wieder hinunter. Es waren jetzt immer noch ein paar Kameraden mit von der Gesellschaft, in Helenens Zimmer wurde zuweilen ein Spielchen gemacht, ein höchst harmloses; aber man konnte doch höllisch dabei verlieren. Helene gewann immer; sie setzte oft da und dort, geschwind hineinguckend und sich für ein paar Augenblicke über die Schulter dieses und jenes Herren beugend. Aber an seiner Schulter hatte sie doch am längsten gelehnt! Noch glaubte er den Schlag ihres warmen Herzens zu fühlen; sie hatte sich vor Freude über den Einsatz den er für sie getan, dicht, ganz dicht über ihn geneigt und mit lachenden Augen den Fall der Karten beobachtet. Sie war so ganz beim Spiel, sie hatte gar nicht acht, daß sie ihn fast zerdrückte mit ihrer weichen Fülle – aber – ah, es war sehr schön so gewesen!

Der junge Mann seufzte wieder: nein, morgen würde er doch nicht mittun! Und wenn es nur zehn Mark waren, die man verlieren konnte. Die Feiertage würden ohnehin viel verschlingen. Lieber Gott, man konnte doch das Fest nicht hier in der Heide vertrauern! Es war ja nicht immer die Stunde des Sonnenuntergangs, die alles verklärte, und in dieser Öde, in der sie alle seufzten und in der man gewaltsam Zerstreuung suchen mußte, um nicht melancholisch zu werden, Bilder zeigte, so reizvoll-lockend, wie den Wandrern der Wüste die Fata Morgana.

Röter und röter erglühte die Heide. Ihr Braun ward jetzt tiefpurpurn, von einer solchen Kraft des Leuchtens, daß der Himmel blaß und farblos dagegen erschien. Von dem Sonnenball war nichts mehr zu sehen, er war gesunken; aber röter, noch immer röter flammte das Heidekraut, und alle Lachen im Venn flammten mit. Wie in einem gewaltigen Brand lohte das ganze Moorland. Und nun stieg auch Dampf auf; schier ein Rauch wie bei einem Brande. Er wurde dicht und dichter, schnell und schneller sich aus kriechender Stellung zu Mannshöhe erhebend.

Der Leutnant gab das Zeichen zum Aufbruch. Jetzt war die geeignetste Stunde, sich das Fieber zu holen, die Kerls sahen ja ohnehin nichts mehr. Teufel, wie schneidend kalt es auf einmal war!

Fröstelnd, unwillkürlich in einen starken Trab verfallend, trottete die Kolonne in die Baracken zurück.


Es war Nacht. Eine Nacht, so bitterkalt, daß man kaum glauben konnte, im Juni zu sein. Als könnte es frieren, so hell-weiß schimmerte der Mondenschein und machte die dunklen Lachen zu blitzblanken Schilden, mit denen das Moorland die Pfeile des Himmels auffing. Wie grausame Augen, unbarmherzig, spähten die Sterne herab auf den Hahnheister Busch und auf das Haus, das, toteinsam und gemieden wie ein Pesthaus zu mittelalterlicher Zeit, vor den struppigen Kusseln des Buschrandes liegt.

Das Venn fror es nicht, und weder das saure Gras noch seine Blumen, die gelbe Narzisse, die weiße Maiglocke, die rote Orchis mit den schwarzen Flecken und die zarten rosa und weißen Glöckchen der Venn-Erika froren. All das blühte hier zusammen, nicht so streng geschieden nach Sippe und Blütezeit wie anderswo; es war froh, überhaupt erblühen zu können, und hart gewohnt.

Nur die Menschen fror es unter dem Ziegeldach des einsamen Hauses. Das heißt, Simon Bräuer fror es nicht, der war ins Dorf gegangen, der kalte, harte Mann heut heiß vor Freude. Sein Weib war heute im Wirtshaus von Heckenbroich abgestiegen. Nun ging er, sie zu küssen. Sie war gekommen für die paar Feiertage; es gab dann weniger Arbeit für ihn, ein Hilfsaufseher konnte ihn dann wohl einmal vertreten, und im übrigen schloß er seine Vierzig ein.

In langen, ungeduldigen Sätzen sprang der frohe Mann in der gradesten Richtung durchs eiskalt betaute Kraut. Und wenn er es auch sonst nicht so zeigte, er liebte sie doch. Und gerade weil er sie so lange hatte entbehren müssen, liebte er sie doppelt; viel mehr denn je. Er glaubte es jetzt kaum länger ertragen zu können, von ihr getrennt zu sein. Es half nichts, sie mußte her, und wenn sie auch anfänglich nicht wollte! Bei der Höfen war Platz zu finden, die blinde Witwe brauchte nur ein Stübchen vom Haus, da konnte die Therese gut unterkommen mit den Kindern. Ach ja, die Kinder! Ein weiches Gefühl faßte den Dahinstürmenden: wie lange hatten sie den Vater entbehrt! Den Vater, der sie zwar streng hielt und oftmals prügelte, und dem sie doch teurer waren als sein Herzblut. Ob das Johannchen auch brav lesen und schreiben lernte in der Schul’? Ob der Anna Zöpfchen schon ein Stück länger gewachsen war? Ob das Peterchen schon die ersten Hosen anhatte? Und ob das Kleine, das ganz Kleine, etwa schon »Pappa« sagen konnte?!