Im einsamen Venn, in der eiskalten Nacht, glaubte der Vater ein lallendes Stimmchen zu hören.

Hätten die Sträflinge jetzt Simon Bräuers Gesicht gesehen, sie hätten sich nicht mehr geduckt in hündischer Furcht – jetzt war er einer, dessen Mund lächelte. – – – – – –

Im Schlafsaal, dem langgestreckten Schuppen-Anbau, wälzten sich die Vierzig unterm tiefhängenden Dach. Seine Ziegel schlossen nicht fest aufeinander, sie ließen Hitze und Kälte gleich ungehindert durch. Die Vierzig konnten nicht Ruhe finden, obgleich sie todmüde waren. Der Aufseher hatte heut mehr denn je kommandiert. Sie hatten das neue Haus scheuern müssen vom obersten Dachsparren herab bis zur untersten Stufe des Eingangs, er hatte mit scharfen Augen jedes Stäubchen gesehen, jedes Fleckchen. Die einen hatten Wasser geschleppt, weither aus dem Tümpel, darinnen die Frösche sprangen und heute quarrten, als wär’s eine Sommernacht; andere hatten gefegt mit den Birkenbesen, die sie selber gebunden hatten, wieder andere mußten Maien schneiden und mit ihnen das Haus rund umstecken. So sah es viel weniger kahl und unfreundlich aus.

Sie hatten alle weidlich geschafft. Einen Kalender hatten sie nicht, aber an der verdoppelten Arbeit hatten sie gemerkt, daß morgen Pfingsten war. Den besseren Weg, den sie begonnen hatten, hatten sie noch vollends geschwind abstechen müssen und ausschaufeln und festtreten vom Haus bis nach der Chaussee hin. Eine Pferdearbeit war das gewesen im beschleunigten Tempo; am Mittag hatte die Sonne auf den Buckel geprickelt wie mit Nadeln, morgens und abends hatten die steifen Finger kaum Spaten und Hacke regieren können.

Und all das für das Fraumensch, das er erwartete! Sie hatten wohl gehört, was der eilfertige Bote, der Hütejunge, gestammelt hatte: »Se is nu do! Se läßt Uech jrüße!« Sie hatten das glühende Rot gesehen, das über sein Bronzegesicht schoß. In den Schlafsaal hatte er sie früher denn je getrieben, sie da eingesperrt ganz ohne Licht; nur der Mond, der durch die Ziegel fiel und durch die Ritzen zwischen den rohbehauenen Steinen, gab ein wenig Helle. Er selber war davongerannt. Wie grinsende Affen hinter Käfigstäben hatten sie am Gitter des Fensterchens ihm nachgeglotzt. Wie er rannte, wie er rannte! Er konnte es nicht abwarten, bis er bei seinem Frauensmensch war!

Mit höhnischem Lachen drehte Jacobs, der Rotfuchs, sich vom Fenster ab und hüstelte heiser. Er war hier oben immer erkältet, die Vennluft tat ihm nicht gut und auch nicht die Landarbeit. Er war seines Zeichens Kunsttischler. Drei Jahre hatte er gekriegt – viel, viel zu viel! Was hatte er denn der Trine groß getan, die er antraf, als er die Landstraße auf Köln zutippelte? Sie war am Rübenausziehen im Feld. Warum war sie denn so allein und nicht mit Vater oder Bruder? Verwünschtes Weibsbild! In den Graben hatte er sie geworfen. Erst hatte sie sich gar nicht gemuckt, dann aber hatte sie geschrieen, ganz mörderlich. Es war ihm blutrot vor den Augen geworden. Er hatte gefühlt, wie es in seinen Händen zuckte, wie es ihn hinriß gegen seinen Willen – ha, zupacken, zudrücken, die kalten, zitternden Hände um die weiße Kehle klammern! Fest – noch fester – warum schrie die Trine auch so?! So –! Sie würde das verdammte Schreien jetzt wohl sein lassen! – – – Aber er hatte sie ja gar nicht gewürgt. Leute waren hinzugekommen, er hatte sich auf die Flucht gemacht, aber laufen konnte er nicht so rasch wie die Verfolger, der Atem war ihm ausgegangen. Sie griffen ihn. Und er hatte seine drei Jahr gekriegt. Es wären nicht drei geworden, wäre ihm nicht eine ähnliche Geschichte schon einmal früher passiert. Daß der Teufel all das Weiberpack hole! Hier oben, Gott sei Dank, hier gab’s keine Weiberröcke! Weit war das Dorf, hier war er sicher vor Weibervolk. Wahrhaftig, und wenn’s auch entsetzlich hier oben war, man war doch sicher – bis jetzt!

Er erzitterte. Ein Gedanke war ihm plötzlich gekommen, der ihn packte und schüttelte und ihn nicht locker ließ – – – wie der rannte, rannte! Er stellte sich alles vor, er dachte sich alles aus. Wie er sie umhalste! Wie das Frauenzimmer ihm in die Arme fiel! – – – Wenn das Fraumensch nur nicht bis ganz dicht hierher kam!

Ein Grausen schüttelte ihn. Wie die Meute den Eber, den sie hetzt und stellt und von allen Seiten umkläfft, so fielen ihn gierige Gedanken an. Da half kein Wehren.

Der bleiche Mensch, der auf der harten Eisenbettstatt lag, stöhnte auf; ihn fror trotz der härenen Decke, er zog sie sich zitternd höher an den Hals. Sie war sehr dünn, und doch fing er jetzt an zu glühen und mächtig zu schwitzen. Mit feuchten Händen strich er sich über Stirn und Augen – Teufel, könnte er doch aufwachen wie aus einem bösen Traum! In seinen Schläfen stach und hämmerte es, vor seinen Augen tanzte es rot im Dunkeln. Er fühlte sich sterbenselend, rasend über sich selber und doch rasend vor Verlangen. Wieder stöhnte er auf.

Der ›Torfdrücker‹[14], der im Bett dicht über ihm lag, schob vorsichtig seinen Kopf über den Bettrand und blinzelte zu ihm herunter. Auch der ›Süßchenbäcker‹,[15] der rechts im Nebenbett lag, und der ›Betnoster‹[16] zur Linken wurden aufmerksam. Sie flüsterten. Sie waren so an das Flüstern gewöhnt, daß sie selbst heute, wo sie den Aufseher fort wußten, wo nichts um sie war als die Nacht und das Venn, daß sie selbst jetzt kein lautes Wort wagten. »Was ist los?«