»Sag ens! Et sind’r auch welche hier, dat sind Linker und Freischupper. Der Ohligs is wegen Meineid hier. Der hat noch Jlück jehabt – fahrlässigen Meineid – sonst säß de im Zuchthaus. Un einer is hier, de hat Wechsel gefälscht, de is janz vornehm. Jung, sag et doch, warum bist du dann hier? Mir kannste et ruhig sagen!« Der alte Kunde war sehr neugierig, um so neugieriger, je hartnäckiger der andere schwieg. »Ich bin soviel erumjekommen auf der Walze, oh, ich weiß Bescheid!«

»Paragraph hundertsiebenundsiebzig,« murmelte der Blasse zwischen zusammengebissenen Zähnen. Er wußte selbst nicht, warum er es nun doch sagte; er hatte es nicht sagen wollen, aber der alte Kerl reizte ihn ja dazu. Was würde der zudringliche Pracher nun wohl für ein Gesicht schneiden?!

»Ah so!« Der Vagabond hatte keine Ahnung von Paragraph hundertsiebenundsiebzig, aber die Blöße wollte er sich doch nicht geben, das einzugestehen. »Ah, so,« machte er noch einmal, ganz befriedigt.

Der andere verwunderte sich. Wie, es graute dem Alten nicht? Und ihm graute es doch vor sich selber. Nicht immer, aber heute, heute in dieser Mondscheinnacht, in der von weit her das Quarren der Frösche kam in leidenschaftlichem Chor; in dieser Nacht, in der die Gedanken wanderten, immer hinter dem Manne her, der jetzt wohl längst schon bei dem Weibe war. Das Weibsbild – das Weibsbild!

Der Rotfuchs hätte aufschreien mögen in Wut und Qual, er warf sich mit einem Ruck auf die andere Seite herum und unterdrückte ein Wimmern. Aber es wurde doch hörbar in der totstillen Nacht.

»Halt dein Bonum,« schrie einer, der jetzt schlafen wollte, »ich schmeiß dir sonst meine Holzklumpen druf!« Es polterten ein paar Holzschuhe nieder.

»Bet dich, bet dich, meine Jung,« flüsterte der alte Landstreicher, »dann kannste jut schlafen!« Er selber bekreuzte sich und legte sich dann zurecht, die Hände auf der Brust gefaltet. »Morjen is Feiertag, da krieje wer Wurst oder Speck bei die Linsensupp, un nachmittags Schmalz auf et Brot – un vielleicht ’ne Kaffee!«

Das letzte hatte er schon undeutlich gemurmelt wie in einem glücklichen Traum; nun schlief er bereits, halb im Sprechen noch, schon fest wie ein Kind.

Aber der Rotfuchs konnte den Schlaf nicht finden; bei allen anderen war der, nur nicht bei ihm. Zitternd, frierend und doch glühend, sich schüttelnd in Fieberschauern kauerte der Sträfling unter seiner Decke.

Der Mond war weiter gegangen hinter den dunklen Rand des Hahnheister Busches; nun war es stockfinster im Schlafsaal, aber der Schlaf kam und kam nicht zu Jacobs. Es packte ihn wie Verzweiflung: schlafen, schlafen, nicht mehr den Mann sehen, der über das Venn rannte! Nicht mehr das Weib sehen, das dem Mann am Halse hing! Im Schlaf Ruhe finden, vergessen, was sich gar nicht mehr vergessen ließ!