[21] Mund.

VII

Gegen die Stunde des Sonnenaufgangs ist es kalt auf dem hohen Venn, mag der Tag auch noch so warm werden. In einer bleichen Kühle, vom Tau genäßt, lagen Strafkolonie und Heiderücken, Weide und Dorf und die ragenden Hainbuchen. Hinter den Hecken hervor tönte das Muhen der eben aus dem Schlaf erwachten Kühe, ein Ochse brüllte, ein Hahn krähte, ein Kalb blökte.

Beim Bauer Adams am grünen Klee war die ganze Nacht Licht gewesen, und auch jetzt, da das ganze übrige Dorf noch schlief, war man dort schon auf den Beinen. Man erwartete den Tierarzt, der Knecht war schon vor Morgengrauen hinuntergefahren, den Dreiborn zu holen. Der Hausherr selber war im Stall aufgeblieben, aber noch zeigte sich kein Absehen der Qual. Sollte die Braune, das schönste Stück Vieh, eingehen? Ihr schmerzliches Muhen ging den Menschen durch Mark und Bein.

Bis hinüber zu Huesgens war es gut zu hören, trotzdem die Stalltür geschlossen blieb und die Hecke, die der stolze Bauer als Trennungsschranke auch an der Nebenseite seines Hofes aufrechthielt, hoch und stark und dicht war. In die schmalen Lücken ihres knorrigen Astgefüges hatten sich die kleinen Huesgens eingezwängt; ihre schmalen Körper schlüpften überall durch. Sie waren früh vom Strohsack geklettert und lauschten nun mit ängstlich-neugierigen Augen. Ihre Kuh, die liebe Maiblum, die sollte auch bald kalben, wenn es der nur nicht auch so schlecht erging wie der großen braunen beim Bauer Adams!

»Du,« sagte das Kathrinchen zum Bruder Tönnes und zum Drückchen und tupfte den kleineren Geschwistern einem nach dem anderen auf den Kopf: »Du, bet dich für oß Maiblum! Wie dat arm Dier sich quäle moß!«

Nebenan ging das dumpfe Brüllen und Angstgestöhn immer weiter und erfüllte die Herzen der lauschenden Kinder mit banger Furcht. Mitunter kam eine Pause, aber dann setzte das Angstgebrüll um so stärker wieder ein.

»De Mathes is der Doktor holle,« sagte der Tönnes. »Mir ha ke Jeld, für der Dokter zu holle!«

Kathrinchen nickte bekümmert: freilich, die Mutter hatte schon so viel gekostet! Sie konnten nichts weiter tun als beten. Unter dem dünnen Schürzchen, das sich im Morgenwind blähte, faltete die Kleine die Hände: ach ja, das würde sie der Bäreb recht ans Herz legen, wenn die heut nach Echternach springen ging für die Mutter und den Dores, daß sie auch mitbetete für die liebe Maiblum! Wie von einem glücklichen Gedanken freudig erregt, ließ das Kathrinchen die Geschwister an der Hecke zurück und lief hinein ins Haus zu Mutter und Schwester.

Drinnen bei Huesgens war rege Bewegung. Auch hier hatte fast die ganze Nacht das Lämpchen gebrannt. Bäreb hatte noch, als sie aus der Fabrik heimgekommen war, die Kirche besucht und dann die halbe Nacht in der Küche aufgesessen, geflickt, genäht und sich gerüstet. Wenn sie auch keinen großen Staat machen konnte mit ihrem Anzug, sauber und ganz mußte der Rock wenigstens sein – wie sollte sie sonst wohl bestehen vorm heiligen Willibrord?! Auch auf die Hosen des Dores, die er immer durchscheuerte bei seinem Rutschen, hatte sie einen neuen Flick aufgesetzt und die Flecken verwaschen und gebürstet, so gut es anging. Kaum eine Stunde hatte sie bei den Geschwistern gelegen, beim Morgenrot weckte sie schon wieder das Brüllen der Kuh von nebenan. Bange Sorge erfüllte ihr Herz: auch die Maiblum war die letzten Tage so unruhig, brüllte so viel und fraß nicht wie sonst! Jesus Maria, es würde doch nicht schlimm werden mit der Kuh?! Es war ihr recht, daß die Geschwister hinausliefen, um an der Hecke zu lauschen. Der Tönnes war schlau, der würde schon dahinter kommen, wie’s mit der Kuh vonstatten ging!