Die Sterne standen am Himmel. Je weiter sie abkamen von den Eifelhöhen, desto weicher wurde die Luft. Es fuhr sich schön mit dem Bummelzug in die Sternennacht hinein. Der Dores schlief, der Bäreb Kopf war dem Dicken nebenan auf die Schulter gesunken; er ließ sie ruhig da liegen.
»Ob dat dat Könd von dem Mädche lao is?« fragte eine Neugierige und zeigte mit ausgestrecktem Finger auf den Dores hin.
»Ihr seid wohl geckig?« Der dicke Mann wurde ordentlich grob. Sah sie denn nicht, was für ein junges Blut das noch war, die konnte doch nicht so einen Jungen schon haben? Er taxierte ganz richtig: das war ihr Brüderchen, das brachte sie hin zum heiligen Willibrord, man sah’s ja gleich auf den ersten Blick: der Junge war krank, er hatte seinen richtigen Verstand nicht.
Alle setzten die Augen ein. Viel neugierige Blicke hefteten sich auf das schlafende Geschwisterpaar. Bäreb mit ihrem hübschen Gesicht, das noch schmaler erschien in der Müdigkeit, mit den schwarzen Wimpern, die wie Schatten auf den Wangen lagen, fand Gnade vor den Augen der Männer. Den Frauen gefiel der Dores besser, trotz seines dicken Kopfes und der hängenden Unterlippe. Sie bedauerten ihn: warum war seine Mutter nicht bei ihm? So eine ledige junge Person weiß ja gar nicht mit einem Kind umzugehen. Wie ungeschickt sie es hielt – da – beinahe hätte sie’s fallen lassen! Bäreb hatte von den hübschen Soldaten geträumt, unwillkürlich hatte sie die Arme geöffnet, der Dores wäre ihr vom Schoße gerutscht, hätten nicht barmherzige Hände zugegriffen. Und so lange wurde nun am Dores gezupft und gezogen, zurechtgerückt und gestreichelt, bis er die müden Augen aufriß, die fremden Gesichter entsetzt anstarrte und in ein lautes Gekreisch ausbrach. Das wollte nicht enden, trotz allen Zuredens. Die freundlich Besorgten wurden zuletzt unwillig, und die arme Bäreb wußte nicht, wo hinsehen vor Verlegenheit. Sie fühlte, wie der Junge sie durchnäßte in seiner Angst – ach, wären sie nur erst an Ort und Stelle!
Da – der Zug verlangsamte jetzt seinen Lauf, er pfiff und verschnaufte sich – Ettelbrück! Der Schaffner riß die Wagentüren auf. Gottlob, Ettelbrück, Ettelbrück! Aber Echternach noch so weit! – – –
Es war einmal vorgekommen, daß Leute, die gelobt hatten, zu springen vorm heiligen Willibrord, ihr Gelübde nicht hielten. Da wurden ihre Kinder und ihr Vieh im Stall von einer Krankheit befallen, in der sie die Köpfe warfen und mit den Gliedern schlenkerten, unfreiwillig alle die Sprünge und Bewegungen machen mußten, alle Gebärden der Springer zu Echternach.
Aber wenn Bäreb auch diese Erzählung nie gehört hätte, sie wäre doch ihrem Gelübde nicht untreu geworden; sie wäre nicht umgekehrt und wäre es ihr noch viel schlechter ergangen als heute nacht. Es war viel zu spät gewesen, die Base der Mutter aufzusuchen, alle Häuser von Ettelbrück lagen dunkel in der Ferne, man sah nirgend ein Licht mehr glänzen. Wie die meisten der Wallfahrer war auch sie auf dem Bahnhof geblieben; in eine Herberge zu gehen, kostete zu viel, und wo wäre denn auch eine gewesen? Sich der Frau mit dem Kropf anzuschließen, die noch in den Ort hineinging, traute sie sich nicht, sie hielt sich lieber an den Dicken, der war so gutmütig; er kaufte ihr sogar am Morgen, als sie fröstelnd und übernächtig recht erbärmlich dasaß, am Büfett einen tüchtigen Kornschnaps. Sie wollte ihn erst nicht annehmen, sie hatte noch nie Schnaps getrunken; aber nun trank sie doch, und er tat ihr gut. Wenigstens glaubte sie so; denn daß ihr der Kopf schwer wurde, das kam nicht vom Schnaps. Das kam von all dem Ungewohnten, von dem schlechten Schlafen auf der Bahn, von der Hitze und Fülle im Wartesaal. Selbst auf den Boden hatten sich welche hingestreckt, das Bündel unter dem Kopf.
Wenn Bäreb geglaubt hatte, das seien schon viele Menschen, die sich im Wartesaal versammelt hatten, so wurde sie jetzt noch eines anderen belehrt. Draußen auf dem Perron: Menschen, Menschen, Menschen. Hier kam wohl die ganze Welt zusammen?!
Seit es Morgen war, rasselten immer wieder neue Züge auf dem Bahngeleise vor. In den Wartesaal war nicht mehr hineinzukommen, draußen auf dem Bahnsteig stand es Kopf an Kopf. Mit Fahnen, mit Kreuzen, mit ihren Musikchören und ihren Geistlichen standen da ganze Dorfgemeinden.
»Heiliger Willibrord, eine Flamme der göttlichen Liebe,