Da waren manche, die kein Dach über sich hatten diese Nacht. Bäreb fühlte schon etwas wie Trost: ei, so konnten sie ja auch draußen schlafen. Vertrauend näherte sie sich einem Feuerchen. Doch sie wurde aufs neue gescheucht; ein verwildert aussehender Mann schrie sie grob an, und ein Weib kreischte in höchsten Tönen: »Hei, dat is unsen Plaatz! Wat will dat Frechmensch hei?!« Auch hier war ihres Bleibens nicht.

Verwirrt, verstört, von überall verjagt, rannte Bäreb sinnlos weiter. Wohin, wohin?! Schon glaubte sie wieder die Quälgeister von vorher hinter sich zu vernehmen – ›Hetz, hetz, hussa, fangt sie, die Katz, kß kß‹ – sie rannte davon, atemlos, rannte, daß sie keuchte, rannte vom Ufer hinauf, wieder den Straßen zu. Menschenleer lagen sie jetzt, still, wie ausgestorben, alle Läden geschlossen. Blindlings rannte sie gegen die Ecke einer Mauer an, prallte zurück und rannte dann – einem Mann in die Arme.

VIII

Die Sauer rauschte sanft gegen die Ufer, die Sterne schienen nieder auf die Stadt des heiligen Willibrord. Flußauf, flußab tiefes Schweigen. Erschöpft, ermüdet von Wanderung, Gebet und Marktgetriebe schliefen die Pilger.

Auch Bäreb schlief, den Dores im Arm; sie schlief sanft und wohlbehütet. Die dunklen Wimpern schienen noch feucht von den Tränen, die sie in ihrer Verlassenheit geweint hatte, aber ihr Mund lächelte. Sie hatte es ja so gut getroffen, St. Willibrord hatte sie in seiner Stadt doch nicht zu Schanden werden lassen. Nun hatte sie einen Beschützer gefunden, einen, der jung war wie sie selber, einen, der gekommen war, gläubig wie sie: warum sollte der heilige Willibrord nicht auch dazu verhelfen können, daß man nicht zu dienen brauchte beim Militär? Es hatte zwar noch keiner gehört, daß St. Willibrord sich auch ums Nicht-Soldat-werden-müssen verdient gemacht hätte, aber wer Wunder vollbringt, so große Wunder, kann auch dieses vollbringen.

Treuherzig, offen und der Mitteilung froh, hatte der Jüngling das dem Mädchen erzählt. Er war auch ganz fremd in der Stadt, hatte keine Bekannte; und sehr viel mehr Geld als Bäreb hatte auch er nicht in der Tasche. Flüsternd tauschten die beiden jungen Menschen ihre Geschichten aus. Sie war aus der Eifel, er war aus der Eifel, wenn Bäreb auch niemals früher den Namen seiner Ortschaft gehört hatte; auch jetzt hörte sie den kaum, er war nur ein Schall, an ihrem Ohr vorübergleitend. Aber den Namen des jungen Burschen behielt sie: Niklas. So hießen auch viele in Heckenbroich – Klos. Man war gleich gut bekannt miteinander. Niklas hatte ihr den Dores abgenommen, und der ließ sich auch willig von ihm tragen, als ob er’s gefühlt hätte in seiner Schlaftrunkenheit, wie gut der Klos war. Und Bäreb selber hatte der freundliche Bursche an die Hand genommen und gesprochen: »So, eweil komm, Bärbche, eweil suche mir uns en Platz für zo schlaofen. Brauchst keen Angst mieh zu han, ech schützen dech!«

Er war noch so jung, nicht viel älter als achtzehn; er fühlte sich stolz, eines Mädchens Beschützer zu sein. Sie teilte ihm von dem Brot mit, das sie noch in ihrem Bündel verwahrte; er hatte noch ein Stück Wurst. Mit ihren jungen Zähnen bissen sie in das vertrocknete Brot und in die Wurst, die im Rauchfang so lange gedörrt hatte, bis sie hart genug geworden war, um den ganzen Sommer zu halten. So gut hatte es Bäreb heute mittag in dem großen Wirtshaus am Markt lange nicht gemundet; sie fühlte sich jetzt so sicher. Schulter an Schulter saßen sie platt auf der Erde, hinter sich die schlafende Stadt, vor sich den im Sonnenlicht leise gleitenden Fluß. Er hatte sie ein wenig abseits geführt, noch weiter den Fluß hinauf dem Parke zu, aus dessen umfriedetem Dickicht in langen Trillern die Nachtigall schlug. Zu trinken hatten sie nichts, aber mit geblähten Nasenflügeln, den Mund in eifrigem Kauen halb geöffnet, sogen sie zu Brot und Wurst den feuchten, laulichen Wasserdunst ein und den Tauduft des Grüns und den süßen Geruch des Jasmins. Unablässige Duftwellen strömten vom Parke her, der die Schatten seiner uralten Bäume schwer und schwarz über den Fluß hin legte. Wie Glühwürmer glimmten die Feuerchen der Pilger hüben und drüben, an den beiden Ufern der Sauer; mählich verlöschten sie. Eine Turmuhr in der Stadt schlug dumpfschnarrend Zwölf.

»Schlaof eweil, schlaof,« hatte Niklas gesagt. »Leg dich der Läng lang, dat de de Glidder ruhst, morje müsse mir springen!«

Sie seufzte auf; sie litt es in wohligem Behagen, daß er eine Flauschjoppe, die er bei sich führte, über sie und den Dores breitete und sich dann selber dicht neben sie streckte. Sein Atem bestrich sie. Jedes von ihnen hatte seinen Kopf auf seinem Bündel; das Gesicht zu den Sternen gekehrt, lagen sie ganz gut. Sehr gut, dachte Bäreb.

Plötzlich fiel’s ihr ein: »Ich han mich noch nit jebet!«