Zur einen Tür herein, zur anderen Tür heraus; alles ging wohl geordnet, ohne Gedränge. Bäreb stand draußen, sie wußte selber nicht, wie rasch. Innen verhallten die Klänge; die Vesper zu Ehren des heiligen Willibrord war zu Ende. Sie faltete die Hände beim Bimmeln des Betglöckleins, das von unten aus dem Kloster ›Zum guten Kinde Jesu‹ zur mächtigeren Schwesterglocke heraufrief. Und noch andere Glöckchen fielen ein; es waren soviel geistliche Stifte zu Echternach.

Bäreb fühlte jetzt auf einmal ihre ganze Verlassenheit. Der Bruder weinte vor Müdigkeit, auch ihr kamen beinahe die Tränen. Wo sollte sie hin?! Der Abend brach herein, um das alte Gemäuer der Pfarrkirche wischten die Fledermäuse. Und Menschen, Menschen, Menschen eilten in Scharen mit lautem Geschwatz, in hastiger Eilfertigkeit die steile Treppe zur Stadt hinab. Das waren Tausende, und alle wollten sie unterkommen.

Jetzt beschleunigte auch Bäreb ihre Schritte; wie aus einer Erstarrung erwacht, eilte sie flüchtigen Fußes die Treppe hinab. Sie hatte das Kind wieder auf den Arm genommen, sie durchirrte mit ihm die Gassen. War es denn so schwül, so unerträglich schwül in der Enge zwischen den grauen Häusern, oder trieb nur der rasche Lauf ihr den Schweiß auf die Stirn – oder die Angst? Überall Herbergen; fast jedes Haus hatte seine Tür geöffnet, die Fenster waren erleuchtet, Stimmengewirr schallte heraus, alles war voll, voll bis unters Dach. Auf dem Markte Gedudel, da ging es laut her. Das Karussel drehte sich mit seinen Flittern und glitzernden Glasbehängen bei Drehorgelmusik, am Schießstand zerkrachten die Tonpfeifen, und der große Löwe, das Hauptziel der Schützen, sperrte brüllend den Rachen auf. Auf der Rampe der Schaubude schwang ein wilder Mann mit Geheul seine Keule – er fraß Feuer – und eine dicke Frau, die Arme und Beine ganz nackend hatte, die nichts, gar nichts an hatte als ein rotes Atlasmieder und ein kurzes Sammetröckchen, zeigte sich der Menge.

Junge Burschen hatten sich untergefaßt und versperrten in breiter Reihe die Straße; ängstlich wich Bäreb den Halbtrunkenen aus und quetschte sich dicht an den Häusern vorbei. Wo es ihr nicht so überfüllt erschien, fragte sie schüchtern um Nachtquartier an. Sie hatte kein Glück; die einen achteten ihrer gar nicht, hörten kaum ihre Frage, die anderen zuckten die Achseln: längst alles besetzt. Endlich, todmüde und ganz verzagt, fand sie eine Alte in einem winzigen Kramlädchen, die ihr wohl Unterkunft geben wollte für die Nacht: sie könnte auf dem Stuhl vorn im Laden sitzen, wenn zugemacht war, und das Kind unter den Ladentisch legen, aber eine Mark kostete das, und im voraus.

Schon fuhr Bäreb in die Tasche: ja, ja, nur unterkommen, nur ein Dach über sich haben, was es auch kostete! Da fiel ihr plötzlich ein: sie hatte ja kein Geld mehr! Entsetzt starrte sie drein, das Herz stand ihr still. O weh, wenn sie nicht schon die Eisenbahnkarte zur Rückfahrt gehabt hätte, sie wäre nicht einmal mehr nach Haus gekommen! Plötzlich hörte sie die Maiblum brüllen, die Mutter sprechen, die Geschwister spektakeln, und eine heiße Sehnsucht fiel sie an nach der Stille der Heimat, nach dem Geborgensein hinter der Hecke.

Sie stolperte fort übers Pflaster, blind vor rinnenden Tränen. Ach, wenn ihr doch nur ein Mensch begegnen würde, den sie kannte! Wo war der gutmütige dicke Mann, der sie heute mittag so freundlich gespeist hatte?! Er war nicht zu finden. Aber ein Tuten kam jetzt vom Marktplatz her, das sie entsetzte. Die dunkle Gasse ward plötzlich hell. Brannte es wo? Das war ja Feuerschein! Um die Ecke bog’s ihr entgegen – johlende Jungen vorauf, johlende Jungen hinterdrein – der wilde Mann, jetzt ohne Keule, aber lodernde Fackeln hochschwingend, daß die Funken flogen, fletschte grinsend die Zähne, und das dicke Weibsbild im kurzen Sammetröckchen verzog das traurige Gesicht zu einem Lächeln, winkte mit den Augen und warf Kußhände. Auf dem Markt war die Bude geschlossen, sie luden ein verehrliches Publikum zur Vorstellung im Freien am Platz vor der Brücke ein: gleich würden sie dort beginnen.

Auch Bäreb folgte, willenlos, getrieben von der Menge. Aber sie sah nichts von dem, was der Mann verschlang – nicht bloß Feuer, nein, auch Glas und Eisen hatte er versprochen zu fressen, rostige Nägel und zerbrochene Fensterscheiben – sie sah kaum das Seil, das weit über mannshoch von der Erde zwischen zwei Pfählen gespannt war, auf dem die berühmteste Seiltänzerin der Welt, die dicke Frau, ihre Kunst jetzt zeigen wollte. Ein Trupp junger Burschen hatte Bäreb aufgespürt und umkreiste sie beständig. Sie ließen ihr keine Ruhe, sie neckten sie unablässig. Und sie, so zag heute abend in ihrer Obdachlosigkeit, floh.

Jesus Maria, nur ein Mensch, ein Mensch, bei dem sie sich sicher fühlte! Es brauchte ja gar nicht einmal ein Bekannter zu sein.

An den Ufern der Sauer hinab und hinauf nächtigten viele. Wie Schatten bewegten sich Gestalten um lodernde Feuerchen; ganze Familien kampierten da. Sie kochten Kaffee; in Hotten und Kärrchen und Bündeln hatte man das Nötigste mitgebracht. Weit, weit kamen sie her zu Fuß, sie hatten nicht Geld gehabt, um zu fahren. Ein Geruch der Armut durchwehte die Sommernacht, ein Geruch, der stärker war, als der weiche Duft des Jasmins und der Lindenblüte, ein Geruch des Elends, ein Geruch der bittersten Leibes- und Seelennot.

Heiliger Willibrord, bitt für uns, bitte für uns, heiliger Willibrord!