Ganz zurück in der Ferne zeigte sich ein wanderndes rötliches Pünktchen, das war die Laterne, die der Gendarm trug; er gab seiner Liebsten bis Schwarzenborn das Geleit. Sie verabredeten ein Stelldichein am nächsten Tage, dann ließ sich Zeih einen zärtlichen Abschied gefallen und bedankte sich vielmals ‚für alles Pläsir.‘

Noch ein Kuß. Dann rief sie laut nach ihrem Mann, daß es durch die Nacht gellte, und stolperte, so rasch sie konnte, den Vorangegangnen nach. —

Ein Ungeheuer, vielfüßig vielköpfig, schiebt sich langsam die Weiberschar bergab. Sie hat den Weg verloren.

Über Gestein und Geröll, durch Acker und Gestrüpp, ohne Pfad wälzt sie sich zu Thal, mitfortreißend, was nicht Kraft hat, sich zu wehren. Einer Lawine gleich, die verheert und zerstört; furchtbar in fühlloser Lebendigkeit, unheimlich in unerbittlichem Vorrücken, todbringend in grausamer Geschlossenheit.

[IX.]

Allerseelen.

Die Gräber des kleinen Kirchhofs, draußen an der Straße gen Himmerod, waren geschmückt mit Tannenzweigen und Papierrosen. Hoch hatte sich schon der Schnee auf den Hügeln getürmt und sie alle weiß und gleich gemacht; nun waren sie sorgsam reingefegt und geschaufelt, zierliche Kreuze, Kränze, Herzen und Buchstaben waren von roten Beeren gelegt und Lichtchen zwischen hineingesteckt. Aus der erstarrten Erde schien es zu brennen; die da unten ruhen, sprechen zu denen oben mit ängstlich flackernden kleinen Flämmchen, die der leiseste Windhauch verlöschen kann.

Aber kein Wind wehte. Noch einmal war der Winter gewichen, über den Bergen die Sonne erschienen; bleich zwar und müde, aber doch eine Sonne. Das hängende, verschrumpfte Laub der Friedhofsrosen schien sich noch einmal zu heben; um die Mittagszeit war es lind und still im Thal, der Himmel zeigte ein blasses Blau. Allerheiligensommer.

Da haben die Toten ihren Festtag. Die längst Vergessenen kommen wieder zu ihrem Recht, rühren sich in den morschen Särgen und senden einen Gruß hinauf in’s Leben. Allerheiligen — Allerseelen.

Die Weiber von Eifelschmitt hatten ihr Bestes gethan, ihre Gräber waren so schön geschmückt, wie die im reichsten Dorf. Schon am Morgen strömte die ganze Schaar hinaus zum Kirchhof; man sprengte die geschmückten Hügel mit geweihtem Wasser, lag lange auf den Knieen und betete für die ewige Ruhe der Verstorbenen. —