XI

Viktor von Clermont war gar nicht entzückt über sein Kommando nach Düsseldorf, obgleich der Major es als eine besondere Artigkeit vermerkte, daß man den Sohn zum alten Regiment des Vaters versetzt, und so wieder in seine Nähe.

Traurig genug, daß es mit der Garde nichts geworden war – dazu fehlten die Gelder –, aber beim Regiment in Neu-Ruppin war’s doch auch ganz nett gewesen: Berlin so nah, man konnte des Sonntags immer und in der Woche abends öfter hinüberflitzen, unter den Linden flanieren und, als seiner Majestät Leutnant, gegen bedeutende Ermäßigung die Balletts im Königlichen Opernhaus genießen.

Jedoch hier, in dem kleinen Provinznest, was sollte man hier anfangen?! Das Theater am Markt war die reine Bude, man sah es ihm schon von außen an, daß innen nichts los war. Ein ruppiger Schusterjunge in Berlin hatte mehr Witz, als die ganzen Düsseldorfer zusammen aufbringen konnten. Es war nirgends etwas los, der Hofgarten zum sterben langweilig, die ziemlich breiten Straßen und Alleen förmlich ausgestorben.

Ach, so ein Abend unter den Linden und auf der Friedrichstraße! Nur das war Leben! Da brannten die Laternen hell, man schwamm mit in der Menge, die auf und nieder wogte, man betrachtete die Schaufenster, man ging zu Kranzler hinein, um ein Schälchen Eis oder eine Limonade zu schlürfen und die Hofequipagen vorübersausen zu sehen.

Und wie estimiert der Berliner seinen ersten Stand! Kam man zu Josty oder zum ›schweren Wagner‹, gleich stürzte der Kellner herbei, nahm den Mantel ab und fragte nach den Befehlen; er bediente so geschmeidig, als hätte man mindestens Sekt und Austern beordert. Hier zu Lande mußte man erst dreimal rufen, hier galt nur der Protz!

Viktor begriff nicht, wie sein Vater es so lange hier hatte aushalten können. Freilich, der mußte eben, der Knüppel lag beim Hund. Um Gottes willen, nur nicht hier sitzen bleiben! Man versumpfte ja ganz!

Der junge Offizier beschloß, sich fleißig vorzubereiten, und sich dann schleunigst zur wissenschaftlichen Prüfung auf Kriegsakademie zu melden. Dann mußte man doch hier wegkommen.

Mißmutig lag der Leutnant auf dem eingesessenen, zu kurzen Sofa der Offiziersstube. Alle Tage das Trampeln der Mannschaft, das stereotype Pfeifen, und wenn alles schwieg, das Wispern der Ahornbäume. Ein Tag wie der andre. Er gähnte und reckte die Arme über den Kopf. O, die Langeweile! Wenn jetzt nicht bald ein Krieg kam, dann war’s zum totschießen!

Er richtete sich halb auf und sah verzweifelt um sich. Den Fettfleck hier über dem Sofa an der Wand hatte wohl sein unglücklicher Vorgänger zurückgelassen; gleich ihm mochte der oft dagesessen haben, das Haupt angelehnt, in’s öde Nichts stierend. Und hier die Kopflehne wies auch solchen Fleck auf, und dort, wo die Füße ruhten, war der Überzug zerscheuert und das Heu der sogenannten Polsterung schimmerte durch. Elendes Dasein!