›Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,

Daß ich so traurig bin –‹

Horch, da sang wieder die Josefine! Die hübsche Josefine!

Viktor lächelte und schloß lauschend die Augen halb. Die war wahrhaftig der einzige Lichtpunkt hier! Wie sie sang! Hell wie ’ne Lerche, und doch hatte sie auch Töne, tief und warm.

Von der reinen Herbstluft getragen, veredelt, geklärt, schwebten die Klänge des Liedes zu ihm herein.

Nettes Mädel, liebes Mädel! Wahrhaftig, er mußte ihr doch mal eine Freude machen, sie erwies ihm so oft allerlei Gefälligkeiten. Der Alte war ein Rauhbein, die Mutter eine Null, aber die Tochter – alle Achtung! Was sollte er ihr wohl schenken: ein Band, einen Kamm, eine Brosche, Konfekt, Blumen, einen Almanach?!

Den seidengehäkelten Geldbeutel mit Stahlperlen, ein Geschenk seiner Schwester Cäcilie, herausziehend, zählte er nach. O weh, zwar erst gestern Gage bekommen, aber da waren die fünf Thaler für die Kleiderkasse, die Tischgelder, die andern Abzüge – was blieb noch übrig?! Wahrhaftig, er mußte sich beizeiten nach einer reichen Frau umsehen – was soll ein armer Leutnant in Friedenszeiten sonst wohl machen?!

Sein lächelndes Gesicht trübte sich – dem Mädel eine kleine Freude zu machen, selbst dazu fehlte es ihm! Plötzlich mußte er daran denken, wie er einst auf der Kasernenstraße gestanden und sehnsüchtig nach den Weckmännern im Bäckerladen geschaut. Jahre her, aus dem Kadetten ein Leutnant geworden, aber damals schon wie heute, immer dieselbe Misère! Und doch – er mußte wieder lächeln – ob er ihr damals eigentlich den Weckmann gekauft hatte? Er wußte sich nicht recht zu erinnern. Aber das wußte er noch genau, ihre Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen im dunklen Keller, und ihre warmen Lippen hatten ihn geküßt.

Er strich sich den Schnurrbart. Horch, sie sang noch immer! Die hatte eine gute Lunge. Und nun sah er ihre schöne Gestalt vor sich, die kräftige Brust, die runden Arme, den federnden Gang. Was hatte sie eigentlich für Augen? ›Blaue Augen schön, aber sehr gemön‹ – nein, die ihren waren nicht gewöhnlich! Er mußte doch einmal tiefer hineinschauen. Sapperlot, unter welchem Vorwand ging er denn gleich hinüber in die Feldwebelwohnung?!

Plötzlich aus seiner Langenweile aufgerüttelt, sprang er auf und fing an, Toilette zu machen; er konnte ja dann gleich auf die Königsallee gehen, nachmittags pflegten sich die Schönen Düsseldorfs zu zeigen, und Kameraden waren immer dort.