Über die Mauer des früheren elterlichen Gartens, an dessen Rückseite er nun entlang schlenderte, nickten die Bäume. Das Birnenspalier beim Nachbar war mächtig in die Höhe geschossen. Wie würde Josefine lachen, wenn er sie daran erinnerte, mit welchem Genuß sie die harten Birnen am Steintisch in der Laube mürbe geklopft hatten! Auch er lachte so laut auf, daß ein ehrsamer Rentner, aus der Vesper von der Maxpfarre hier entlang wandelnd ganz erschrocken nach dem Offizier hinstarrte, der einsam unten am Grabenrand stand und sich die Stiefel schmutzig machte. Was wollte der hier in dieser entlegenen Gegend?!

Ein seltsamer Duft stieg von dem dunklen, stillen Wasser auf, und die Frösche quakten. So hatten sie auch damals gequakt und – platsch – Viktor trat derb zu, daß der Schlamm spritzte – so hatten sie sich auch damals eilig in die Tiefe gerettet. Es wurde ihm ordentlich schwer, sich loszureißen von dem stillen Graben mit den großen Teichrosenblättern und dem grünen Entengries.

Die Herbstsonne fing an, sich zu neigen, ein schönes, warmes Rot hing wie ein Purpurmantel den Pappeln der Bergerallee im Rücken; vom Rhein her kündete ein feuchtes Wehen den nicht mehr allzufernen Abend. Beschaulich-friedvolle Ruhe lag über den weißen Häusern und den blauen Schieferdächern. Ein paar Knaben schlugen Dopp mitten auf der Straße; hier fuhr kaum je ein Wagen.

Nun war Viktor am Schwanenmarkt. Das war freilich das alte Kacheloch nicht mehr. Rund um das Viereck des Platzes standen Häuserreihen, die kaum eine Lücke mehr wiesen; Rasenflächen und wohlgepflegte Lindenbäume erinnerten nicht mehr an die stachligen Hecken und mannshohen Hollunderbüsche von ehemals. Und doch – lag’s an der Luft, die ihn frei umwehte, an den Schwalben, die zwitschernd über ihn hinstrichen zum nahen Lopohl? – er hörte wieder Kinderjubel. – – ›Eins, zwei, drei, mein Herz ist frei!‹ – so schrie Josefine, sich freischlagend, atemlos vom raschen Nachlaufenspiel. – – Und an jener Ecke stand der Schinderhannes, der dicke, freche Bürgersjung’, die Hände in den Hosentaschen, die Beine gespreizt, und spuckte. – – Und hier an der Ecke der Löwenapotheke hatten Taubnesseln geblüht, wilder Thymian und gelbe Kettenblumen, Josefine hatte sie zum Strauß gepflückt.

Überall Josefine und überall.

Und sich selber sah er springen im verwaschenen Kittel, in ausgewachsenen Hosen.

Und eine gewisse Rührung überkam ihn.

Er dachte nicht mehr daran, auf der Königsallee zu promenieren; nachdenklich ging er die Bilkerstraße hinunter, am Elternhaus vorbei, über den Karlsplatz, immer weiter hinein in die alte Stadt. Von den Kirchen läutete es, aus den Bürgerhäusern roch es appetitlich; Kinder mit großen Blatzschnitten standen in den offenen Thüren, hinter ihnen im Dunkel des Flurs glimmte das ewige Lämpchen vor’m Muttergottesbild. Am Markt, beim alten Jan Willem, saß noch wie früher die Obstfrau unter’m Regenschirm; aber es war nicht mehr ›das Appel-Len’‹, bei der er einst geröstete Kastanien für Josefine gekauft.

Noch lag oben auf den Firsten Abendglanz, unten in der engen Zollstraße war es schon dämmerig. Er schritt durch’s Thor. Der Strom in seiner ganzen Breite grüßte ihn. Die Wellen kräuselten sich im Abendwind, milchiger Schaum schwuppte an der Ummauerung hinauf, – und nun hallte ein Böllerschuß, dumpfdröhnend, die ›Rotterdam‹, das große Schiff der Kölner Dampfschleppschifffahrtgesellschaft, heischte Durchlaß.

Schrill gellt die Signalpfeife des Brückenwärters, rasselnd fällt die Kette, alle Mann an die Winde – das Joch ist ausgefahren, stolz rauscht die Rotterdam gen Holland hinunter, als lange Schleppe Fruchtkahn auf Fruchtkahn nach sich ziehend. Ein lautes ›Hoihoh‹ hallt über den Rhein, die Schiffer rufen sich zu, und ›Hoihoh‹ klingt’s wie ein Echo, langgezogen aus nebliger Ferne.