Der feuchte Rheinwind legte kühle Finger an des jungen Mannes Wange. Hier hatte er einst mit Josefine gestanden und das Hochwasser angestaunt, und dann waren sie auf Umwegen zur Ratingerstraße geschlichen. Heute ging er auf dem nächsten Weg dorthin.
Aus den uralten Häusern, unter deren Ziegeldächern einst die Rittergeschlechter gehaust, guckten Krämer und Kleinbürgersleute dem Offizier verwundert nach. Fast mißtrauisch. Was hatte der hier zu suchen?! Der Leutnant bemerkte nicht die unfreundlichen Gesichter. Er freute sich über die roten Dächer, die noch schimmerten, obgleich der Abend längst dunkelte, freute sich über den Stern, der heimatlich traut über dem ›Bunten Vogel‹ aufzog.
Die Laternen wurden angesteckt. Da glaubte er plötzlich Josefine vor sich her schreiten zu sehen – das war ihr Gang, ihr Wuchs, ihr blondes Haar! Rasch hinterdrein! Der schwankende Schein der nächsten Laterne war hell genug, ihm zu zeigen, daß er sich getäuscht. Aber auch ein schönes Kind, dieses andre rheinische Mädel!
Ihm war so wohl, so wohl zu Mut, so glückselig jung. Vom Rhein traf ihn ein voller Hauch; die Brust weitete sich und dehnte sich tiefatmend, belebt lief das Blut durch die Adern.
Am Himmel tanzten die Sterne. Er ging wie im Traum. Liebespärchen wandelten an ihm vorüber unter den Bäumen der Alleestraße, Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt; er hörte ihr gedämpftes Lachen.
Wie fing doch das Lied an, das die Josefine immer sang? Er summte es vor sich hin, und dann lächelte er – ob sie wohl daheim nach ihm ausschaute? Natürlich! Sie stand am Fenster ihrer Küche – der simple Kattunrock kleidete sie gut –, die Arme auf die Fensterbrüstung gestemmt, beugte sie sich hinaus und sah ihn an, voll und warm.
Er summte wieder:
»Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn –«
Ganz nettes Liedchen! Weiter wußte er’s leider nicht, aber es lag ihm im Ohr, förmlich auf der Zunge.