Am Alleeplätzchen in der Schaubschen Buchhandlung waren die Ladenfenster noch nicht geschlossen. Viktor hielt inne auf seinem Schlendergang. Er hatte doch Josefine etwas schenken wollen – ja, ja, er wollte ihr heute etwas mitbringen! Dumm, nun waren alle Läden schon zu! Nur dieser nicht! Er betrachtete die Auslage.

Schulbücher: ›Daniels Leitfaden der Geographie‹ – ›Zahns biblische Geschichte‹ – ›Rechenfibeln und Lexika‹ – Gott sei Dank, daß man so was nicht mehr brauchte!

Ferner: ›Briefsteller für Liebende‹ – ›Der Struwelpeter‹ – ›Franz Hoffmanns Erzählungen für die Jugend‹ – ›Campes Robinson‹ – ›Coopers Lederstrumpf‹ – und so weiter.

Und im andern Fenster allerlei Broschüren: ›Der Kassettendiebstahl‹ – ›Ehegeheimnisse des gräflichen Hauses H.‹ – ›König und Tänzerin‹ – niederträchtig, solche Intima dem Pöbel preiszugeben! Das konnte auch nur am sogenannten ›freien‹ Rhein passieren!

›Vier Fragen eines Ostpreußen‹ – ›Pfizer: Gedanken über Recht, Staat und Kirche‹ – ›Steinacker: Über das Verhältnis Preußens zu Deutschland‹ – ah was, Politisches, das hatte ja gar kein Interesse!

Viktor wollte sich schon zum gehen wenden – da gab’s ja doch nichts für ein junges Mädchen –, als ihm noch ein paar Bücher in die Augen fielen, hübsch gebunden, mit Goldschnitt. Aha, Gedichte! Das wäre am Ende was! Junge Mädchen schwärmen für Gedichte, er wußte das von seiner Schwester; sie schreiben sich die schönsten Stellen aus, lesen abends heimlich im Bett und legen sich das Buch unter’s Kopfkissen.

›Herwegh: Gedichte eines Lebendigen‹ – ›Freiligrath: Glaubensbekenntnis‹ – ›Hoffmann von Fallersleben: Unpolitische Lieder‹ – und da, an der Seite, ein Bändchen, klein wie ein Gebetbuch, aber weit leuchtend, auffallend durch sein brennendes Rot. Goldene Passionsblumen rankten sich darüber, ein gelbseidenes Bändchen lag als Lesezeichen darin – riesig geschmackvoll! Es war weitaus das schönste der ausgestellten Bücher. O, sie würde sich gewiß darüber freuen!

Der blasse Ladenjüngling sah verwundert aus – was, ein Leutnant in der Buchhandlung?! Er riß die Augen weit auf.

»Ich möchte ein Gedichtbuch haben!«

»Ein Ge–dichtbuch?!« Maßloses Erstaunen lag nun auch im Ton.