»Du bis ja jeck,« hatte sie zur Enkelin gesagt »dat kleine Judenjüngesken, hie aus Düsseldorf?! De kann dat nit. Oder de hat se irjenswo anders jelesen un abjeschrieben, Papier is jeduldig. Ne, ne, de macht mich noch lang nix vor! ’ne freche Jung’ is de jewesen!«

Auch die Dauwenspeck, die, trotz ihres hohen Alters und obgleich sie, ein wenig kindisch geworden, tagaus tagein in ihrem Lehnstuhl hockte, für ihre Kunden ein treues Gedächtnis behalten hatte, wußte nicht viel. Zur Madam Heine war sie freilich auch geholt worden, in’s Haus auf der Bolkerstraße neben dem ›Roten Kreuz‹. Der Bäckermeister Cremer hatte gerade in der Thür gestanden und gerufen: »Et brennt, et brennt,« als sie mit Strohtasche und Spritze in’s Hinterhaus geeilt war. –

Heimlich war Josefine hergekommen – keiner durfte es wissen, alle hätten sie ja ausgelacht. Was sie eigentlich hier erwartet, war ihr nicht klar; aber sie war enttäuscht. Keine Rosen an den Mauern, keine Sonne in den Fenstern! Hinter dem hölzernen Gatter des engen Höfchens nur ein schwächlicher Akazienbaum, der seine letzten verkrumpelten Blättchen den Winden preisgab.

Sie fröstelte und seufzte – wie traurig, wie verlassen! Machte es die graue, kalte Nebelluft, die sich beklemmend auf die Brust legte, oder der scharfe Wind, der wie ein böses Tier gegen die Mauer des Hinterhauses fauchte und den Atem nahm? Es schnürte ihr etwas das Herz zusammen.

Ein altes Weib guckte aus dem Fenster und rief sie an: was sie denn hier wolle?

Zusammenschreckend stotterte das Mädchen etwas zur Entschuldigung.

»Kucken, wat? Hie is nix zu kucken! Heine – Heine?! De wohnt hie nit. Se meinen wohl Heimann, de mit wollene Strümp’ handelt? Jejenüber!« Krachend schlug die Alte das Fenster zu.

Traurig ging Josefine fort; aber sie wurde froh, als die Kaserne in Sicht kam. Wie ein warmes Wehen kam es von dort her durch die naßkalte Dämmerung und umschmeichelte sie. – –

Ob sie ihn heute noch sprechen würde?

Gestern hatte sie ihn nicht gesprochen, den ganzen Tag nicht! Eingeladen war er den Sonntag gewesen bei seiner Schwester; die vom Werths waren jetzt wieder in der Stadt.