Sie lebte ein Doppelleben. In dem einen flickte und strickte sie, kochte und scheuerte, und hastete sich ab, um im andern desto länger bei ihm sein zu können, mit seinem Kuß ein gesteigertes Gefühl zu empfangen, ein Gefühl, das sie so überglücklich machte, wie den Vogel, der mit jauchzendem Ruf in die Lüfte steigt, hoch, hoch, hinein in den sonnigen, blauen Himmel.
Enger als je hielt die Kaserne sie umschlossen: ihre Welt die kleine Feldwebelwohnung, die Küche, der Gang, die Offiziersstube, der Exerzierplatz, über den die Stimme des Geliebten schmetterte, der Hof, auf dem seine Tritte hallten.
Auch Viktor war benommen. Die jungen Damen der Bälle und Gesellschaften langweilten ihn sterblich. So viel er konnte, zog er sich von der Geselligkeit zurück, oder wenn ein Vorgesetzter eben ›befahl‹, stöhnte er den ganzen Tag und verwünschte Fest und Festgeber. Das einzig Gute war, daß Josefine ihn dann wenigstens hinbegleitete. Heimlich erwartete sie ihn unten auf der Straße, in einem nahen Thorweg versteckt; ein Tüchelchen, tief in die Stirn gezogen, dünkte ihr hinreichend als Vermummung. Sie fürchteten keine Entdeckung, sie dachten gar nicht an eine solche. Arm in Arm, dicht aneinander geschmiegt, machten sie Umweg auf Umweg. Herren, den Mantelkragen hoch geschlagen, und Damen in Schleiern und Galoschen, zu Gesellschaften trippelnd, Bürger, zur Karnevalssitzung eilend, kreuzten ihren Weg. Aber niemand achtete ihrer im Dunkel.
Und sie führten sich oft an der Hand und plauderten und lachten, und ehe er endlich hinaufstieg in den kerzenhellen Saal, drückte er sie noch einmal an sich, zärtlich süßschmerzlich, wie zu ewigem Lebewohl. Und während er im Tanz die feinen Taillen junger Damen umschlang, fühlte er im Geist die kräftigeren Formen Josefines – sie lag in seinem Arm, sie wiegte sich lustig auf den Klängen der Musik. Die jungen Damen tuschelten untereinander darüber, daß der Leutnant von Clermont beim tanzen so fest halte, die ganzen Blumen am Ausschnitt hatte er ihnen zerdrückt; sie beklagten sich darüber, aber sie hatten es doch gern.
Zu seiner Schwester, in deren elegantes neues Haus am Hofgarten, kam Viktor selten. Wenn sie sich darüber beklagte, konnte er mit Recht sagen: ich habe keine Zeit. Er hatte wirklich keine, sie ging hin mit auflauern, beobachten, verstohlenen Begegnungen, verliebten Träumen und Wünschen. Der Schwester hatte er nie von Josefine gesprochen, dazu war er längst nicht mehr unbefangen genug. Cäcilie fragte auch nicht, sie gab es nach und nach auf, dem Bruder über sein Seltenkommen Vorwürfe zu machen; ihr Leben war ganz ausgefüllt, es gehörte ihrem Mann, der sie auf Händen trug, es gehörte ihrem Glück, es gehörte vor allem dem Kind, das sie erwartete. Der zukünftige Vater strahlte schon: ein Sohn, ein Stammhalter! Der zukünftige Großpapa hatte den kostbaren Schmuck, den er seiner verstorbenen Frau einst aus einer besonders reichen Jahreseinnahme gekauft, dem berühmtesten Juwelier von Paris zu noch kostbarerer Neufassung geschickt; die Schwiegertochter sollte ihn am Tauftag, als einen von Generation auf Generation zu vererbenden Familienschmuck, tragen. Der alte Herr hatte jetzt nur die eine Sorge, daß bei den fortdauernden Krawallen in Paris seinem neukreierten Familienschmuck ein Ungemach passieren könne.
Josefine war seltsam bewegt, als Viktor ihr von Cäcilies Hoffnung erzählte. Sie sagte kein Wort, aber sie wurde glühend rot, und in ihre Augen kam ein Leuchten, ein feuchtes Flimmern. Still blieb sie den ganzen Tag, wie sonst nie.
Hätte der Feldwebel nicht so viel zu thun gehabt, ihm wäre wohl manches an seiner Tochter aufgefallen. Aber plötzlich waren von Berlin Befehle gekommen, die Reservisten einzuziehen, die Kompagnien zu verstärken, Proviantamt und Montierungsdepot neu zu versehen – was, sollte mobil gemacht werden?! Krieg gegen Frankreich?!
Mit Windeseile verbreitete sich das Gerücht. Jetzt sprach auch die Bürgerschaft nicht allein mehr vom Hofgarten, sondern von der drohenden französischen Kriegsgefahr; hatte doch jeder einen Sohn, einen Bruder, einen Verwandten, einen Freund, der im Kriegsfalle mit mußte.
Einige Überkluge in der Düsseldorfer Zeitung suchten freilich den Krieg ganz wo anders: sie redeten von einer ›Gärung im deutschen Volk,‹ von seinem ›Schrei nach Einheit und Freiheit,‹ sie wiesen auf Baden, Württemberg, Nassau, Bayern und Hessen hin, wo die Fürsten dem Volk stürmisch geforderte Freiheiten bereits bewilligten.
Ach was, in Düsseldorf wurde nicht gegärt! Und was sollte man denn fordern? Hatte nicht jeder sein behagliches Haus, sein gut Essen und Trinken, abends seine Pfeife beim Glase Bier? Schwarzkieker die! Erst wollte man einmal ordentlich Fastnacht feiern. Schon hielt der Präsident von der ›Dotzmühl‹ alle Abend Sitzung ab, die Gecken planten einen großartigen Umzug.