Daß die Fabrikarbeiter im Bergischen Skandal machten und Lohnerhöhung forderten, war weiter nichts Beunruhigendes. Da gab’s noch andrer Orten viel notleidendere Bevölkerung, die armen schlesischen Weber zum Beispiel, auf die das ergreifende Gemälde von Karl Hübner die allgemeine Aufmerksamkeit gelenkt. Als nun der junge Verein ›Malkasten‹ die hungernden Gestalten im lebenden Bilde, gegen einen Reichsthaler Entree, vorführte, öffneten sich alle Herzen und alle Geldbeutel.
Auch die kleineren Bürgersleute machten sich über die Unruhen in der Nachbarschaft keine Sorgen. Sie hatten ihre Bälle im ›Breidenbacher Hof,‹ bei ›Geisler,‹ bei ›Cürten‹, im ›Luftballon‹, in sämtlichen größeren Sälen der Stadt; überall Karnevalssitzung mit Tanzvergnügen.
Die Mädchen kürzten ihre bunten Röcke, die Burschen suchten sich die greulichste Larve aus, manch ›komplette‹ Bürgersfrau zwängte sich in ein Schäferinnengewand oder setzte sich Kranz und Schleier der Düsselnixe auf’s Haupt. Bis tief in die Nacht brannten jetzt die Lämpchen der Näherinnen, Goldband und Flitter wurden rar, alle Läden waren übervoll von Larven und Pritschen und Brillen und Perrücken, Dreispitzen und Dormeusen. Selbst die Kinder verlangten ihre Mäskchen. Die Stadt war im Rausch, ein Duft von Naunzen und von Muzenmändelchen zog mit dem Wind.
Das Gerücht, in Elberfeld hätte sich eine Bürgerwehr gebildet, die mit weißen Binden um den Arm herumlaufe, war ein Hauptspaß. Helau, die Wupperthaler waren Fastnachtsgecken geworden! Am Rosenmontag trugen die Düsseldorfer ein großes Papierschild durch die Straßen: ›Wupperthaler Bürgerwehr‹; Lahme, Krüppel und Uralte folgten wankend, die weiße Binde mit: ›Schutz der Bürger‹ um den Arm.
Helau, helau!
Die Jungen schlagen Rad, die Mädchen kreischen, Hoppeditz packt die Maritzebill und rast mit ihr zwischen die Zuschauer; alles lacht, jauchzt, jubelt, schreit, selbst die gesetztesten Leute werden vom Torkel erfaßt.
»Helau, helau,« heult es die Straßen entlang. Pritschenschläge knallen, Männer stolpern in Frauenkleidern, Kinder führen Haube und Brille der Großmutter aus; die ›Ferken‹ in den Sackleinenanzügen, mit der Dummejungensfrisur und der bammelnden Schiefertafel um den Hals, tanzen einen Ringelreihen um den alten Jan Willem – weh dem Mädchen, das sie greifen! Abgeküßt wird es, da hilft kein Sträuben.
Nicht Stand noch Obrigkeit wird respektiert, jeder Rücken muß Pritsche kosten, jeder Cylinder wird eingetrieben.
»Verrücktes Volk,« schimpfte der Feldwebel.
Sonst hatte er sich an Karnevalstagen so viel als möglich in der Kaserne gehalten, auch seinen Weibsleuten verboten, die Wohnung zu verlassen, dort hörte man wenigstens nicht das verdammte ›Helau‹, das Rasseln der Knarren, das Schrillen der Pfeifen, das Knallen der Pritschen, das Tuten, das Parpen, das Trommeln, das Quietschen; von weitem nur sah man, jenseits des breiten Exerzierplatzes, das bunte Gewimmel in der Königsallee.