»Bande!«

Die Aufregung seiner Frau war ihm lächerlich. Was, Angst?! Nur die Bajonettspitzen brauchte der Pöbel von weitem blitzen zu sehen und den gleichmäßigen Tritt der Kolonne zu hören, da gab er schon Fersengeld. Es giebt nichts auf der Welt, was so einschüchternd wirkt, wie die Geschlossenheit der Truppe und das militärische Kommando.

Frau Trina aber gab sich nicht zufrieden. Sie war im ›Bunten Vogel‹ gewesen; da hatte die Wirtsstube gestopft voll gesessen. Die Leute erzählten von einer Deputation, die von Köln nach Berlin gereist war. Alle waren sich darüber einig, daß der König mehr Freiheiten geben mußte. Etliche hatten gar gewußt, daß in Berlin selber auch Unruhen ausgebrochen seien – mit Pflastersteinen war nach den Soldaten vor’m Schloß geworfen worden!

Der Feldwebel höhnte: »I wohl, Soldaten mit Pflastersteinen schmeißen! Hat sich was! Daß du dir solchen Blödsinn vorreden läßt!«

Rinke glaubte an diese Gerüchte nicht. Ja, hier am Rhein, da mochte es wohl schon eher möglich sein, daß es einmal rebellisch spukte – Volk ohne Haltung, ohne Disziplin! – aber in Preußen, in der Hauptstadt, gleichsam unter den Fenstern Seiner Majestät?! Unmöglich!

Der Feldwebel hielt sich heute noch strammer als gewöhnlich. Als er auf die Straße trat, um hinüber in’s Stammlokal zu gehen, reckte er sich kerzengerade; wie Falken, zum niederstoßen bereit, lauerten seine Blicke. Die Mütze hatte er etwas schief auf das, an den Schläfen schon stark ergraute Haar gerückt und den Schnauzbart aufgestrichen; er sah unternehmend aus.

Die Kameraden am runden Tisch fanden, daß heute nicht gut mit Rinke auskommen war. In der That, die ewigen Erzählungen von den Pöbelrevolten reizten ihn – war es der Rede wert, nur ein Wort über so etwas zu verlieren?! Als gar einer im Flüsterton, mit bedenklicher Miene, die Geschichte zum besten zu geben wagte, die auch Frau Trina heute berichtet, riß ihm die Geduld. Was, der Pöbel sollte die Schloßwachen insultiert haben –?! Ein solcher Gedanke schon war eine Beleidigung des ganzen preußischen Militärs!

Mit Mühe nur ließ der Feldwebel sich beruhigen. Mißmutig, früher als sonst, ging er heim.

Auf der Straße war noch reges Leben. Vor den Hausthüren standen Gruppen, Menschenmassen wogten hin und her. Neugierige liefen hinter schreienden Knaben drein, die ausposaunten, daß man hinter Bilk und vom Hammer Damm aus die ganze Stadt Neuß brennen sehen könne.

Viele rannten hinaus auf die Felder. Jenseits Dorf Hamm, über’m Rhein, mußte ein mächtiger Brand wüten. Rauchmassen wälzten sich dem Strom zu, und Feuersäulen lohten auf; Funkenregen, ganze Funkengarben schossen durch’s nächtliche Dunkel.