Bleiche Gesichter sahen sich an. Bis auf die Kasernenstraße glaubten ängstliche Gemüter den Brandgeruch zu spüren. Viele Bürger stiegen zur Bodenluke heraus auf’s Dach und observierten den Himmel.

Am Morgen wurde es bekannt: eine große Fabrik zu Neuß war niedergebrannt, von ruchlosen Händen angesteckt. Und aus Mülheim an der Ruhr, aus Lübbecke, aus Gütersloh, aus Elberfeld, aus vielen andern Orten in geringerer und weiterer Entfernung liefen beunruhigende Gerüchte ein. Die Wirtshäuser der Stadt waren heute überfüllt, dicht gedrängt saßen die Bürger auf der Bierbank; so viel hatten sie lange nicht am Stammtisch zu bereden gehabt. Es war ein Sonntag, aber auch wenn es Wochentag gewesen, wäre keiner seinen Geschäften nachgegangen, denn der St. Sebastian-Schützenverein hielt heute Generalversammlung auf dem Hunsrück. Da strömte alles hin. –

In der Kaserne war es still, totenstill. Im Morgengrauen war noch Militär nach Lennep ausgerückt, dabei hatte es für kurze Zeit Leben gegeben. Jetzt lag der weite Platz leer, in den Pfützen spiegelte sich eine bleiche Sonne, und der scharfe Märzwind schnaufte darüber hin.

Die Sonntage waren immer langweilig, der heutige kam Rinke endlos vor. Zeitung mochte er nicht lesen, wozu sollte er sich ärgern? Mit großen Schritten lief er in der Stube auf und ab, und dann stand er wieder am Fenster und trommelte unruhig auf die Scheiben. Stirnrunzelnd betrachtete er den Himmel – so zerrissen war der, bedeckt von gejagten Wolken, die in fratzenhaften Umrissen Gestalt von Ungeheuern gewannen. Jetzt trieb ein Untier von der Allee heran, mit ausgebreiteten Schwingen segelte es über den Kanal, über den Exerzierplatz, gerade auf’s Fenster zu. Unwillkürlich trat der Feldwebel zurück, ihm war, als senke sich das schwarze Wolkengebild schwer herab.

»Josefine!«

Keine Antwort. Noch einmal:

»Josefine!«

Wo steckte sie nun wieder?! Er ging in die Küche, in die Schlafkammer, durch die ganze Wohnung. Er rief auch auf dem Gang. In der Leere hallte seine Stimme. Fröstelnd rieb er sich die Hände. Ganz allein! Die Käthe war mit den Jungen zu den Großeltern gegangen; vielleicht die Josefine auch? Sie hatte ihm aber nicht Adieu gesagt.

Er entschloß sich, auch auszugehen. Das Seitengewehr umschnallend, verließ er die Wohnung; auf einmal hatte er’s eilig.

War sie mit der Mutter gegangen – oder wo war sie? Einen scheuen Blick warf er hinauf zur Offiziersstube; der Leutnant schien nicht da zu sein, denn der Bursche fläzte sich am Fenster.