Seine Unruhe trieb ihn nach dem ›Bunten Vogel‹.
Als er so, weit ausholenden Trittes, durch die Straßen schritt, fiel ihm plötzlich ein, wie er schon mehr als einmal dorthin geeilt in Hast und Unruhe, einen Flüchtling zu suchen. Das erste Mal: die junge Mutter und das junge Kind – ach, was war die Josefine für ein süßes Kindchen gewesen!
Mit Blitzesschnelle entrollten sich ihm siebzehn Jahre. Immer Josefine! In der Wiege – in den ersten Schuhchen – pfeilschnell dahinschießend im wilden Lauf – beim exerzieren – mit dem Schulranzen – am Einsegnungstag im ersten langen Kleid – eine Mutter unter den Geschwistern – fleißig am Waschzuber – trillernd wie eine Lerche – immer und immer Josefine! Allezeit war sie seines Herzens Freude und Wonne gewesen.
Ihn dünkte heute die unbestimmte Angst um sie fast größer, als jene, die er empfunden in schneeiger Winternacht, da er hier entlang gestürzt, den verlorenen Sohn zu suchen.
Immer und immer der gleiche Weg, das Pochen an die gleiche Thür! Mußten sie denn alle dahin laufen, immer nach dem ›Bunten Vogel.‹ Weib, Sohn, Tochter?! Und er wie ein Narr hinterdrein?!
Ein jähes Gefühl stieg in ihm auf, das sein Blut wallen machte und sein Auge verdunkelte. O, dieses behäbige Bürgerhaus mit seiner allezeit offenen Thür, mit seiner ewigen Lampe unterem Marienbild, mit seinem Duft nach Rheinland und Rheinwasser! Es stahl ihm das, was sein war.
Des Feldwebels Gesicht wurde sehr finster, mit einem bösen Blick sah er umher – o, diese Stadt! Nein, er hatte sie nie lieben gelernt, verhaßt war ihm ihr Pflaster! Nie würde er hier eine Heimat finden, fremd blieb ihm ewig dieser Boden!
Diese nie versagende Fröhlichkeit widerte ihn an – horch, wahrhaftig, da gröhlten sie schon wieder!
Er war auf dem Hunsrück angelangt. In der Wirtschaft bei Prehl standen Fenster und Thüren offen, die Räume schienen zu eng, um die noch immer zuströmenden Männer und Burschen zu fassen. Drinnen redete einer mit mächtiger Stimme. Aha, jetzt erschallten brausende Hochrufe! Was war denn los?
Eine schwarz-rot-goldene Fahne entfaltete sich plötzlich aus einem Fenster des Obergeschosses, flatterte im Winde und blähte sich. Und innen im Lokal und außen auf der Gasse huben plötzlich hunderte wie aus einer Kehle an: