Mit Kartätschen und Bomben müßte Seine Majestät dreinfeuern lassen, dann würde es schon Respekt kriegen, das übermütige Bürgerpack, dem der Buckel juckte vor lauter Wohlleben! Gut, daß der Prinz Wilhelm dem König zur Seite stand und General von Prittwitz die Truppen befehligte; das waren zwei Schneidige! Wenn nur erst der Prinz Wilhelm seinen Posten als Gouverneur der Rheinlande anträte, dann sollten sie hier schon Augen machen: strammes Regiment, altpreußischer Geist, ein echter Soldatenprinz! –

Der Feldwebel zitterte darauf, etwas Genaueres über die Ereignisse in Berlin zu erfahren, waren es doch nur Bruchstücke, die in die Kaserne drangen. Die verzehrende Ungeduld zu stillen, schickte er einen seiner Jungen nach der Expedition der Düsseldorfer Zeitung. Unendlich lange blieb der aus und kam zuletzt wieder, ohne Zeitung. Kein einziges Blatt war zu haben gewesen, die Leute hatten sich darum geschlagen.

In Scharen standen die Düsseldorfer vor den Zeitungsausgaben und begehrten stürmisch zu erfahren, ob das teure Bürgerblut umsonst vergossen sei, ob der König in Berlin nun nicht schleunigst gut machen werde, was ›der heillose Kartätschenprinz‹ mit seinen ›Bluthunden‹, den Soldaten, am Volk verbrochen.

Auf einmal waren die Berliner Bürger den Düsseldorfer Bürgern wie Brüder. Man trug Leid um jeden der Helden, der auf den Barrikaden gefallen im Kampf um bürgerliches Recht. In jedem Wirtshaus wurde für die Hinterbliebenen der toten Brüder gesammelt, manch einer gab in der ersten Aufwallung weit mehr, als er vermochte. Viele schwarze Kleider zeigten sich, verweinte Gesichter und zornige Mienen. Hunderte waren ja hingemordet, von Bomben zerrissen, auf Bajonette gespießt, mit Kolben zerschmettert!

Wie ein Schneeball, der in’s rollen geraten, zur Lawine wird, so vergrößerte sich die Zahl der Opfer im Volksmund von Stunde zu Stunde. Die Straßen der Hauptstadt trieften von Blut, nicht Greise hatte man geschont noch Knaben, wehrlose Frauen hatte man gemißhandelt, wie die Bestien hatten die Soldaten gehaust!

Weg mit dem Militär! Wozu diese Tagediebe, diese unnützen Brotfresser?! Das Volk war Mannes genug, sich selber zu schützen, wenn Gefahr drohte – gebt ihm nur Waffen!

Ein Murren grollte durch die Stadt. – – – –


Es war abend, als Rinke den außergewöhnlichen Befehl erhielt, als Wachhabender die Hauptwache am Burgplatz zu beziehen. Das war sonst nicht seines Amtes, er fühlte es wohl, es war eine besondere Auszeichnung. Nicht umsonst hatte der Hauptmann heute ein Lied zum Preis der altgedienten Unteroffiziere angestimmt: ›Sie sind der Mörtel, der die Mauern des preußischen Heeres zusammenhält, sie sind gleich jonischen Säulen‹ – ja, so hatte er gesagt: jonische Säulen – ›die das ganze Gebäude tragen.‹

Ein hoher Stolz schwellte die Brust des Feldwebels, als er mit seinen Leuten im Dunkeln auszog.