Der Feldwebel fühlte jedesmal ein Jucken in der Hand, wenn er solchen Rangen auf dem Schulweg begegnete. Seine eignen Buben hatten sich auch Kokarden gekleistert aus buntem Glanzpapier, aber als er die an ihren Mützen entdeckte, hatte er die Bengels verwichst, daß sie drei Tage nicht sitzen konnten. – –

Der Frühling war mit Macht gekommen, schöner denn je blühten die Kastanien drüben in der Allee. Sonst hatte sich Rinke gefreut, wenn die erste Lerche am grünen Kanalrand aufstieg und hoch über’m Exerzierplatz schmetterte – heuer nicht. Und er hätte doch froh sein können, seine Josefine war ja Conradis verlobte Braut; im Sommer sollte die Hochzeit sein. Seiner Tochter glanzlose Augen kümmerten ihn wenig. Ach was! Die würde sich schon schicken; das machte ihm keine Sorge. Aber etwas andres lastete auf ihm, quälte ihn: es war der stete Ärger über das, was er in den Zeitungen las. Und doch konnte er es nicht lassen, sie durchzustöbern. Ja, er hielt sich sogar, was er sonst als unerhörteste Verschwendung weit von sich gewiesen, auch noch das Düsseldorfer Kreisblatt, obgleich ihm die Gedichte, die ein gewisser Ferdinand Freiligrath, der am Windschlag wohnte, darin veröffentlichte, zu anstößig waren. Außerdem bat er, beim Leutnant von Clermont ab und zu einen Blick in die Kreuzzeitung werfen zu dürfen.

Viktor von Clermont hatte jetzt keine Langweile mehr. Er lag nicht mehr auf dem Sofa und ließ die Beine über die Lehne hängen, er lauerte auch nicht mehr im Gang auf die Schritte Josefines, beobachtete nicht mehr ihr Fenster – weit, weit, wie ein Frühlingstraum in rauhen Tagen, lag jene goldene Zeit. All sein Denken gehörte der Politik.

Mit seinem Schwager hatte er ein paarmal schon heftige Auseinandersetzungen gehabt; Herr vom Werth war ein blinder Bewunderer des Königs. Er nannte dessen Nachgiebigkeit Seelengröße, die der nicht nur erst jetzt, sondern auch früher schon gegen Andersgläubige bewiesen habe. Viktor ärgerte sich – aha, da merkte man den Rheinländer! Und ein Rheinländer – immer ein verkappter Katholik!

Viktor betrat kaum mehr das Haus seiner Schwester; wenn Cäcilie ihn sehen wollte, mußte sie sich schon mit ihm im Hofgarten treffen, oder einen Spaziergang auf der Allee verabreden. Dann machte es ihm wohl Spaß, neben der eleganten Frau, die nach der Geburt eines prächtigen Sohnes sich erst zu vollster Schönheit entfaltet hatte, herzugehen und die bewundernden Blicke aufzufangen, die ihr galten. Aber eigentlich langweilte er sich mit ihr; Weiber haben eben absolut kein Verständnis für Politik. Selbst Josefine hatte keine Ahnung gehabt. Und doch, wenn er in freien Momenten an die dachte, verlangte ihn nach ihr.

Das arme Ding! Wie mochte sie geweint haben, als sie ihm auf Befehl des Vaters geschrieben: ›Aus muß es sein!‹ Sie hatte so unbeholfen geschrieben und doch so rührend; Thränen waren auf’s Papier geflossen, man sah die Spuren. Auch seine wenigen Geschenke hatte sie zurückgeschickt: ein Armband von Rosenholzperlen, ein Muschelkästchen, ein kleines Bild von ›Paul et Virginie‹. Nur das rote Büchelchen mit den goldenen Passionsblumen bat sie, behalten zu dürfen: ›sie würde darin lesen und seiner gedenken.‹

Fatal, daß der Alte dahinter gekommen war, höchst fatal! Selbstverständlich mußte nun alles aus sein! Aber daß er, als Vater, sich nicht persönlich in die Sache gemischt hatte, war einfach riesig schneidig; der Kerl, der Feldwebel, hatte wahrhaftig Takt, wußte, was ihm, einem Vorgesetzten gegenüber, zukam. Mit keinem Blick ließ er ahnen, daß er um die Sache wußte, in respektvollster Haltung wie immer stand er da.

Viktor begann eine Art dankbarer Zuneigung für den Untergebenen zu empfinden, der ihm eine Beschämung erspart. Früher, mit dem Vater der Geliebten, hatte er sich nie in eine Unterhaltung eingelassen, jetzt sah man ihn öfter, nach dem Vorbild des Herrn Hauptmanns, mit dem Feldwebel über den Kasernenhof pendeln. Da war so vieles, was sie ähnlich empfanden; wenn sie auch nicht darüber sprachen, sie fühlten es sich an. ›Noch einer vom alten Schrot und Korn,‹ dachte der Leutnant, und in des Feldwebels trübes Auge kam ein Hoffnungsstrahl: In dem würde Preußen auferstehn! –

Keine Melodie mehr wehte aus dem offenen Küchenfenster in die neu grünenden Ahornbäume.

Der Frühling war geboren, aber das Lied war tot.