Jetzt klapperte Frau Trina in der Küche mit den Töpfen, nun, da die Tochter sich die Aussteuer nähte.
Drinnen in der Stube saß Josefine auf dem Fenstertritt hinter den Geraniumstöcken, tief über die Arbeit gebückt. Selten, daß sie den Blick erhob und die Augen hinausschweifen ließ über den Platz, auf dem die Mannschaften für die Frühjahrsbesichtigung übten. Wohl hatte das Exerzieren seinen Reiz für sie noch nicht ganz verloren, aber sie fürchtete, ihn vor der Front stehen zu sehen in seiner ganzen Schlankheit; mit Scheu wendete sie rasch den Blick ab. Blaß wurde sie, denn ihr Fleiß bannte sie immer in die Stube; die Mutter hatte ihr gern eine Hilfe nehmen wollen – das bucklige Stinchen, die Näherin, die so schöne Hemdenfältchen kratzte und die Priesen auf den Faden aufsteppte, half allen Bürgerbräuten – aber Josefine wollte keine Hilfe. Alles allein sticheln, das bringt Glück.
Ach, Glück –?! Sie hoffte doch darauf. Der Conradi war ja so gut, das sagte sie sich alle Tage vor. Wenn sie nur erst fort wäre, weit weg!
Und sie, die nie für einen ganzen Tag die Kaserne verlassen, die noch nie ihr Haupt wo anders zur Ruhe gelegt, als im Schutz dieser Mauern, begann zu träumen von einer neuen Heimat, unbestimmte Träume, von denen sie nicht wußte, ob sie angenehm waren oder traurig.
Fernab vom Leben des Tages lebte sie so in ihren Träumen; sie hörte nicht die Glocken hallen, die die Totenfeier für die letzt im März zu Berlin Gefallenen einläuteten.
In der Maxpfarre war ein Katafalk errichtet mit schwarzem Flor und Lorbeeren. Frau Trina lief auch hin, und sie kam wieder mit geröteten Augen – alle Welt hatte geschluchzt – und sie erzählte von Trauerfahnen und Immortellenkränzen, vom Requiem, das der Hiller, der Musikdirektor, aufgeführt, und von der ergreifenden Rede des Herren Pfarrer Schmitz.
Bis in die Kaserne hatten sich die Klänge des Trauermarsches verirrt, den die Musik dem Bürgerzug aufspielte, der nach der Kirche wallte, die für die Freiheit gefallenen Helden nachträglich noch einmal zu ehren. Josefine hatte keinen Ton vernommen – was ging sie das alles an?! Sie kümmerte nur das eigne Geschick.
Alle paar Wochen kam jetzt Conradi zu Besuch, oft einen ganzen Sonntag; er hatte nun wieder freie Zeit. Aber er war kein lästiger Bräutigam; ein Mensch von vielen Worten war er so wie so nicht. In seiner Heimat, dem fernen Ostpreußen, waren ja die Leute an Kargheit gewöhnt – kümmerliche Frühjahre, wie er sagte, und lange, schneevergrabene Winter. Er war zufrieden, wenn Josefine ihn freundlich ansah und ihm beim jedesmaligen Abschied einen Kuß schenkte; und das konnte sie doch nicht anders, er hatte ihr ja nichts Böses gethan.
Selbst Frau Trina, die anfangs viel Lust bezeigt hatte, gegen den Schwiegersohn zu rebellieren, – war er doch ein Reformierter, und die sind noch ärgere Ketzer wie die Lutherschen, – wurde durch seine ruhige Treuherzigkeit entwaffnet. Keine Uzerei verfing. Darin war er ganz anders wie Rinke, er brauste nie auf.
»Dumm is de,« behauptete die Mutter, aber die Tochter schüttelte den Kopf: nein, dumm war der nicht, hatte einen ganz nüchternen, praktischen Verstand; freilich, so wie der Viktor – ach, wie der Viktor! – so war er nicht!