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Während der Königliche Gast in die Stadt eingezogen, war ein anderer Gast in den ›Bunten Vogel‹ getreten. Auch ein König – der Tod. Peter Zillges hatte ihn empfangen, als Freund.
Es gab kein lautes Wehklagen. Als Josefine, atemlos, als erste, in den ›Bunten Vogel‹ gerannt kam – Wilhelm hatte weinend die Trauerkunde in die Kaserne getragen – fand sie die Großmutter oben in der Schlafkammer neben dem Ehebett sitzen, darauf der tote Großvater lag. Ganz friedlich ruhte dessen Gesicht im Flackerschein geweihter Kerzen; die sauberen weißen Haare umgaben in einem noch vollen Kranz die Stirn, die ganz glatt war, alle Falten und Schrumpeln wie weggewischt. Die Großmutter hatte ihm ein Kruzifix auf die Brust gelegt und um die gefalteten starren Hände den Rosenkranz geschlungen. Wie eine Wolke schwebte Weihrauchduft im engen Stübchen.
Die alte Frau wand aus den Eichenblättern und Dalien eine Guirlande, ihre Lippen murmelten Gebete. Als die Enkelin eintrat, sah sie auf und nickte wehmütig:
»Die sollt’ für dich sein, Finken! Nu muß Zillges die kriegen!«
Und sie flocht emsig weiter.
Josefine kauerte sich ihr zu Füßen nieder; ein Schauer nach dem andern überlief sie, sie hatte noch nie einen Toten gesehen. Eine Scheu packte sie vor dem stillen, kalten Großvater, und ihr Herz klopfte heftig. Sie begriff nicht, daß die Großmutter so gelassen war.
»Nu kann er nit mehr bei deiner Hochzeit sein,« flüsterte Frau Josefine Cordula, »oh, un was hätt’ er sich doch jefreut! Jelt, Zillges?!«
Sie wandte sich ganz ihrem Toten zu, sanft faßte sie dessen Hand. »Weißte noch, wie mir Hochzeit machten? Da flocht ich der Abend vorher auch en Jirland, aber nur eine aus Palm, die Blümkes un de Myrtestock hatt’ die fremde Einquartierung all ausjeruppt. Un de Hochzeitsabend fingen de Franzosen an, auf de Stadt zu schießen, von de Kirchen wurd’ Sturm jeläut’, dat Kloster brannt’ un de Türm’ vom Schloß auch. Mit Kanonen schossen se von der anner Seit’, aber mir krochen im Keller un du hielt’st mer de Ohren zu. Un wir sind doch eso jlücklich jeworden, jelt, Peter? Peterken!«
Josefines Herz krampfte sich zusammen – ach, die Großmutter, ja, die Großmutter, die hatte ihren Hochzeiter geliebt! Brennende, unendliche Thränen stürzten ihr aus den Augen; beide Hände vor’s Gesicht schlagend, schluchzte sie krampfhaft.