»Wein’ nit eso, Kind,« flüsterte die Großmutter. »Finken, mußt nit e so weinen – er schläft ja nur!« Und sich über den Gatten beugend, strich sie ihm zärtlich links über die Wange und rechts über die Wange.
Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes über ihn und sich: »Jesus! Maria! Josef! Euch schenk’ ich seine Seele! – Bis wir uns wiedersehn in der ewigen Jlorie, Peterken, schlaf’ jut!«
*
Josefines Hochzeit fand statt am festgesetzten Termin, trotz des Großvaters Tod. »Es ist jetzt ohnehin nicht an der Zeit, Freudenfeste zu feiern,« hatte der Feldwebel finster gesagt.
Auch die Großmutter wollte keinen Aufschub, sie schickte die Hochzeitskuchen in die Kaserne.
Nur eine stille Trauung fand statt, dann blieb die engste Familie noch unter sich ein paar Stunden zusammen. Gegen abend aber kam doch noch die Großmutter; seit langer, langer Zeit betrat sie zum erstenmal wieder die Feldwebelwohnung, sehen wollte sie die Enkelin wenigstens an ihrem Ehrentag.
Josefine hatte sich den Abschied leichter gedacht; nun konnte sie sich auf einmal nicht trennen. Laut weinend küßte sie die Geschwister, die Mutter, die Großmutter; am längsten hielt sie den Vater umklammert.
»Na, na,« tröstete der Feldwebel und klopfte ihr den blonden, zuckenden Kopf, »gehst ja nu in dein Glück – Mädel, Kopf hoch!« Er bezwang den eignen Trennungsschmerz – war seinem Kinde so das Loos nicht auf’s lieblichste gefallen? »Na, na, wir sehen uns ja bald wieder!« Aber als sie ihn nicht losließ, machte er sich frei; jetzt klang etwas wie Strenge durch: »Mach nu ’n Ende! Wisch’ die Thränen ab – ’s ist an der Zeit! Man los – voran, marsch!«
»Ja, komm, Finchen, komm,« drängte der junge Ehemann, »wir kriegen sonst den Zug nicht mehr!« Und als sie noch immer ihr Gesicht weinend verhüllte, nahm er ihre Hand in die seine und drückte die fest. »Du sollst es auch in Vohwinkel gut haben, verlaß dich drauf! Komm, Finchen, komm!«
Noch einen letzten schweren Blick ließ sie langsam über alles gleiten; ihre Nasenflügel hoben sich zitternd, als müsse sie noch einmal voll den Duft einziehn, den scharfen, eigentümlichen Kasernenduft. –