Die Sonne ging zur Rüste, als Conradi seine junge Frau über den Hof führte. Die Wipfel der Ahornbäume rührten sich im Abendwind, um die Stämme wob sich bereits leichter Dämmer. Rotgolden allein strahlte noch drüben das Fenster der Offiziersstube; da weilte die Sonne am längsten.

Ganz langsam ging Josefine, Schritt für Schritt. Aber so sehr sie auch zögerte, das Thor kam doch. Es that sich auf – sie schritt hindurch – schwer fiel es wieder in’s Schloß.

Sie hatte die Kaserne verlassen.

XVII

Rinke hätte nie geglaubt, daß er über die Trennung von der Tochter so verhältnismäßig leicht fortkommen würde. Die Not der Zeit half ihm über eignes hinweg.

Er glühte vor Unwillen. Täglich mehrten sich die Klagen über Rempeleien zwischen Civil und Militär. Nicht genug, daß ein Infanterist durch einen Schuß, der eines Abends an der Markt-Ecke fiel, meuchlings getötet worden, auch noch einen von den Jägern hatten die ›verfluchten Halunken‹ verwundet. Was half’s, daß der neue Kommandeur, General von Drygalski, dem Militär im Besuch der Wirtshäuser strengste Beschränkung auferlegte, ganz einsperren konnte man die Mannschaft doch nicht; und wo sich ein Soldat sehen ließ, überall wurde er molestiert. Schüsse, von unbekannter Hand abgefeuert, fielen zur Nachtzeit auf den Straßen, und, richteten sie auch kein sofortiges Unheil an, sie alarmierten doch und narrten Polizei und Militär.

Der Feldwebel machte es sich zur Aufgabe, in freien Stunden die Stadt abzupatrouillieren. Im Abenddunkel suchte er die berüchtigten Wirtschaften auf, um vor ihren Thüren beobachtend Posto zu fassen.

Leider gehörte der ›Bunte Vogel‹ auch zu den nicht gut angeschriebenen. Die alte Frau hauste jetzt dort allein mit dem Wilhelm: wie sollte das schwache Weib und der dumme Junge es am Ende hindern, daß sich da ebenfalls allerhand Gesindel zusammenfand?! Rinke hatte sich den Sohn schon gelangt und ihn wie einen Verbrecher in’s Verhör genommen, aber weiter nichts herausgebracht, als daß der Freiligrath zuweilen dort ein Maß trinke. Na, der Kerl, der rote Republikaner, war ja nun unschädlich gemacht, wegen eines ganz unverschämten, aufhetzenden, königsverräterischen Gedichtes hinter Schloß und Riegel gesperrt! Aber andre liefen noch frei herum. Ja, man hatte schon seinen Ärger!

Ingrimmig, mit geheimem Knurren, wie ein Hund, der Haus und Hof bewacht, schlich der Feldwebel durch die Straßen.

Aber auch die Bürgerwehr hatte ihren Verdruß. Wenn man sich auch nicht einig war, ob man für oder wider die Opposition stimmen sollte, jedenfalls war es allen höchst unangenehm, daß der König auf seiner Rückreise vom Dombaufest schlankweg an Düsseldorf vorbei gefahren. Die freundliche Gartenstadt schien in Berlin als gefährliches Rebellennest verzeichnet – daran war niemand schuld, als die verdammten Preußen selber, die verwünschten Militärs! Mußten die nicht durch ihre prahlerische Haltung, durch ihr herausforderndes Umherrennen mit blanker Waffe am Ende auch die gutmütigste Bevölkerung reizen?! Es half nichts, daß der Chef der Bürgerwehr eine Verordnung erließ, nach der ein Zusammenstehen von mehr als fünf Personen, das Umherziehen mit Fahnen, das Schießen in den Straßen verboten, Eltern und Meister gehalten waren, Kindern und Lehrlingen mit Eintritt der Dunkelheit das Ausgehen zu untersagen. Alle Maßregeln konnten nichts nützen, wenn die Soldatenkohorte sich abends auf dem Markt sammelte, aus voller Kehle das: ›Ich bin ein Preuße‹ schrie und dazu die Säbel am Pflaster schliff. – –