Der Sommer war zu Ende gegangen, der Spätherbst machte seine Rechte geltend. Im Hofgarten lagen die falben Blätter fußhoch, die Tage wurden kurz, die Reifnächte lang. Es wurde über allgemeine Arbeitslosigkeit geklagt; Bettler durchzogen die Stadt und forderten so ungestüm, daß Frauen und Kinder, waren sie allein, ängstlich die Thüren verschlossen. Im Hofgarten war’s nicht geheuer, selbst die verliebtesten Paare getrauten sich nicht mehr in seine Einsamkeit.

Der Magistrat hatte, um Bedürftigen Arbeit zu verschaffen, rheinabwärts an der Goltzheimer Insel Ausbesserungen vornehmen, auch den großen Teich im Hofgarten und die Kanäle ausmutten lassen, aber der erste frühe Frost setzte diesen Arbeiten ein Ende. So zogen ein paar hundert entlassene Arbeiter mit einer roten Fahne vor’s Rathaus: »Brot! Brot! Geld! Geld!« Und die herbeieilende Polizei wurde mit Steinwürfen empfangen: »Buh, macht euch ab, no Huus, buh!«

Es gab blutige Köpfe, die Brotlosen kannten keine Scheu, zumal alles Volk ihre Partei nahm; die hartbedrängte Polizei mußte retirieren.

Von jetzt ab machte sich der ›Volksklub‹ breit, ungeniert beraumte er Versammlung über Versammlung an; am helllichten Mittag setzten sich Arbeiterzüge in Bewegung und zogen unter dem Schwenken roter Fahnen, unter dem Singen demokratischer Lieder auf die Nachbardörfer. Der ›Barrikadenverein‹ feierte den inzwischen freigesprochenen Dichter Freiligrath mit schallendem Jubel und Illumination.

Das Schwarz-rot-gold war verdrängt – alles rot, rot, rot. Rot flammte die winterliche Sonne über’m Rhein, rot stieg sie auf im Osten, rot sank sie im Abend – blutig-rot. Und ein schneidend scharfer Wind fauchte durch die Straßen und fegte auf, was nicht ganz niet- und nagelfest war.

Die Düsseldorfer fingen an stolz zu werden auf ihren thatkräftigen Mut. Der Nationalversammlung zu Berlin, die trotz verschiedentlicher Auflösung sich immer wieder sammelte und Steuerverweigerung votierte, ließ man eine beistimmende Adresse zugehen. Steuerverweigerung, ja, das war das richtige! Riesenversammlungen fanden statt; mit unverhohlener Geringschätzung sah Düsseldorf auf seine Nachbarin Köln, die langjährige Nebenbuhlerin. Ei, hatten sich die Kölner mit ihrem Revolutiönchen blamiert! Die ganzen Rheinlande, nein, die ganze Welt lachte die ja aus! Unendliche Karikaturen auf die ›Preußenfresser in Köln‹ wurden in Düsseldorf gezeichnet.

Aber es kam ein Tag, an dem die beiden Nebenbuhlerinnen die Köpfe zusammensteckten und einig waren in Schreck und Empörung: Robert Blum zu Wien erschossen! Die Stadt Köln erinnerte sich plötzlich ihres ›Köllsche Jong‹, und die Nachbarin Düsseldorf fühlte sich mit in die Seele getroffen. Ein rheinischer Landsmann ruchlos ermordet!

Von Hand zu Hand wanderte das Zeitungsblatt mit Blums letzten Worten:

›Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk sein.‹

Heiße Thränen flossen, als der Abschiedsbrief an seine Gattin bekannt gemacht wurde: