Kein Gedanke ging zu ihrem Mann. Ihr war zu Mut, als wäre sie wieder die Josefine von einst – nein, doch nicht ganz dieselbe! Früher war sie schon beglückt gewesen, wenn sie Viktor nur von weitem gesehen – ein verstohlenes Grüßen von Fenster zu Fenster, ein flüchtiges Wort, ein heimlicher Händedruck – das war schön, das war schön gewesen, doch jetzt –?!
Ihre Augen begegneten den seinen mit stumm leidenschaftlicher Frage. In einer gesteigerten, rauschähnlichen, erwartungsvollen Spannung verbrachte sie friedlose Tage und schlaflose Nächte. –
Leutnant von Clermont hatte auch schon seit Nächten nicht viel geschlafen, eigentlich gar nicht, sein Blut war erregt. Wochen hatte er verbracht in stumpfem Groll – alle Tage Drill, für was denn? Immer von der Ehre, von der Offiziersehre hören und sich doch auf der Nase tanzen lassen müssen – äh was, Ehre, pfeif’ auf den ganzen Rummel! Er war wütend. Ein paarmal hatte er sich schon betrunken. Das war ihm sonst nie passiert; aber jetzt konnte er eben gar nichts vertragen, ein paar Gläser schon stießen ihn um. Gleich prickelndem Champagner stieg ihm der Säuerling, den sie im Kasino verzapften, zu Kopf.
Seine Nerven waren angespannt, all seine Sinne erregt. O, dieses müßige Warten, dieses ungeduldige Lauern in der muffigen Kaserne! Zum umkommen! Nur nach etwas greifen, sich zu zerstreuen, zu vergessen, den Lauf der Tage zu beschleunigen – ha, und nun kam diese blonde Frau! Er erwiderte ihre großen, stummen und doch so beredten Blicke.
Heut abend sprachen sie sich zum ersten Mal. Auf dem dunklen Gang trafen sie einander wie einst. Warum sollten sie sich länger meiden?! Auf halbem Weg waren sie sich entgegengekommen. Er unter dem Vorwand, den Feldwebel sprechen zu müssen; sie ganz ohne Vorwand, einfach gezwungen, schier ohne eigenes Wollen, wie eine Traumwandelnde, Schritt für Schritt gelassen auf den schwindelndsten Pfad setzend.
Sie hatten nicht Zeit zu vielem Reden. Jeden Augenblick konnte sie jemand überraschen, rumorte es doch heute überall in der Kaserne. Der dunkelste Gang war nicht sicher. Gerüchte gingen um, unheimlich schwirrend wie Fledermäuse in nächtlichem Dunkel; man hört nicht ihren lautlosen Flatterflug und spürt ihn doch am kalten, unheimlichen Wehen.
»Josefine,« flüsterte Viktor und faßte sie an beiden Händen, »Fina!«
Sie sagte kein Wort, aber sie neigte sich gegen ihn.
Ehe sie bedachten, was sie thaten, küßten sie sich heiß.
»St – still, kommt da jemand?« Er raunte es, erschrocken und unwillig zugleich.