Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen:
›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Da besehen Se sich mal unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen. Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹
Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert, und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr ab. –
Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein ›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen!
»Och Jott, och Jott!«
Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von hinten:
»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche meh.«
»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!«
Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend. Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei der Mutter gut schmecken!
Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹ dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr seliges Ende.