Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?! Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern, vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als sein Schatten.
Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den Körben und Kiepen schleppen.
Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen.
Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände zusammen:
»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu leben!«
Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie.
»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!«
»Och Jott, och Jott!«
Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein.
Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals, neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm, ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus in der Königsallee!