Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer, da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das! Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die Viehställe geschlossen.

Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen, die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer wächst!

Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine Kugel nicht; der war gepanzert.

Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt:

›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen schwerlich entbehren kann.‹

All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine mächtige Stimme übertönte alles: ein preußisches Deutschland! Jawohl, so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte man seine Söhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden? Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte, wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme.

Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien, die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich, der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland.

Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug der rückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von der Volksarmee – das Volk hatte gar nichts damit zu thun! –

Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade!

Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert – hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet.