Und sie blickte zurück in ihre Ehe.

Anfangs hatte sie oft und viel Heimweh gehabt, manchen Abend vor der Thür gestanden und sehnsüchtig weggeschaut über die Felder. Dort, zwischen den ragenden Fabrikschornsteinen, die sich wie hohe Maste in’s Himmelsmeer reckten, dort, in abendsonnenverklärter Ferne, lag Düsseldorf. Und sie hatte geseufzt.

Aber dann wurden die Kinder geboren, – erst der Peter, dann das Gretchen, dann das Mariechen und zuletzt, als die beiden blonden Mädchen schon wieder Engel geworden, noch der Fritz, des Onkel Friedrich Patenkind. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen.

Doch nun, da sie einsam im Ehebett lag, da der Frühlingssturm mit Sausen durch die Nacht fuhr und schaurig gegen die Fenster der Schlafkammer heulte, mußte sie so sehr an die Vaterstadt denken. Wenn sie wieder altbekannte Straßen gehen, die Kaserne wiedersehen, mit der Hand an diesen Mauern entlang streichen könnte, die ihr einst ein großes Glück umschlossen! Ja, heim, heim – der Rhein rauschte, Glockenstimmen riefen. Nun wußte sie’s, hier im Bergischen Land hatten ihr immer die großen Glocken gefehlt; es war doch etwas Eignes um deren Klang, um die weihrauchduftenden, dämmrigen Kirchen mit den farbenglühenden, legendenbedeckten Fenstern, mit den segnenden Heiligen, mit den rosenumkränzten Märtyrern, mit dem lächelnden Jesuskind und mit Maria, der Gottesmutter, die so jung und schön!

Eine wahre Begier überkam Josefine, ihre Fingerspitzen in das Weihwasserbecken an der Thür von St. Lambertus zu tauchen, wie sie’s als Kind oft gethan. Ob endlose Prozessionen noch ebenso wie früher durch die Straßen wallten und um den Kalvarienberg bei der großen Kirche zogen?! Berückende Musikklänge – betäubende Weihrauchnebel – betendes Murmeln, sich fortpflanzend von Mund zu Mund – alt-köstliche Kirchengewänder – feuriges Rot der Chorknaben, unschuldvolles Weiß der Mädchenengel, strahlendes Gold der Stolas – wie würden der Peter und der Fritz da gucken! Besonders der Peter, der sah so gern was Schönes. Die armen Jungen, die kannten ja nur die nüchterne Sonntagspredigt in der kahlen, getünchten Vohwinkler Kirche, zu der sie regelmäßig mit dem Vater gegangen waren.

So reifte allmählich der Entschluß zur Übersiedlung in ihr. Mit fast freudiger Unruhe betrieb sie dann die Vorbereitungen. Bruder Friedrich stand ihr bei, er kam die letzten Tage sogar ganz herüber, und was sie nicht mitnehmen konnte oder wollte, verkaufte er ihr.

Er war ein rechter Praktikus. Das hatte wohl keiner gedacht, wie er damals als Junge zum Schlosser in die Lehre kam, daß der’s mit seinen krummen Beinen noch einmal so weit bringen würde. Nun war er schon mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter, und der Krupp bezahlte ihm guten Lohn. Sogar gespart hatte er sich schon etwas, und er wollte es gern der Schwester vorstrecken, wenn sie, auf seinen Rat, einen Laden in Düsseldorf aufmachte. Josefine fiel bei diesem Anerbieten eine Last vom Herzen: Gott sei Dank, dann brauchte sie von der reichen Madam Schnakenberg nichts anzunehmen! Nicht, daß die Kinder der Mutter böse waren, aber etwas Fremdes war da.

Im Mai bezog Josefine das Lädchen an der Bastionstraßenecke, gerade der Kaserne gegenüber – wo konnte es denn auch anders sein? – und der Friedrich half es ihr einrichten mit allerlei Utensilien zum Soldatengebrauch: mit Pfeifen und Tabak, mit Cigarren und Streichhölzern, mit Taschentüchern und Reservistenstöcken, mit Seife und Wichse und jeglichem Putzzeug, auch mit Knopfgabeln und mit Tinte und Briefpapier. Und er machte ihr auch Mut.

»Wer heutzutag auf’ dem Posten is früh un spät, de kömmt auch voran,« sagte der Bruder.

Auf dem Posten sein, ja das wollte sie; hatte sie sich doch schon Gedanken gemacht, ob sie mit der geringen Pension und den bescheidenen Zinsen, die das kleine Vermögen ihres Mannes und ihre eignen paar hundert Thaler großmütterliches Erbteil abwarfen, in der teuren Stadt bestehen könne.