Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s; aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen machten ihnen Konkurrenz.

Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken.

Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern, jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank nieder in den Schoß der empfangenden Erde.


Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte unter dem geheimnisvollen Namen: ›Maran atha‹ und seine Mitchristen zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an:

›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹

Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich, und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy, dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich, die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses ganz Neue.

Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen – der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er:

»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen, wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat! Mutter, nu weiß ich wat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will ich auch malen!«

Er raffte die Mütze vom Tisch und rannte stürmisch davon. – – –