»Nu wird mobil jemacht, aber ’n bißchen plötzlich,« schrie Unteroffizier Schmidt, in Josefines Laden stürmend. Sie stand hinter der Theke und griff sich mit beiden Händen an den Kopf – Krieg, Krieg?! Sie hatte es schon gehört und konnte es doch nicht fassen. Krieg, Krieg! – Das kam zu rasch.
»Das is en schöne Bescherung,« rief Hucklenbruch, der auch gerannt kam, »oha, nu chiebt’s Krieg, Madam, un Ihr Peter –«
Das Wort erstarb ihm im Munde, er sah den Rivalen am Ladentisch stehen und machte sofort Kehrt. Er hatte der Mutter sagen wollen: ›Nur keine Angst, ich paß auf ihn auf, wie auf meinen Augapfel,‹ aber nun schnürte ihm der Grimm, daß der Berliner ihm schon wieder zuvorgekommen, die Kehle zu.
Und andre kamen, Soldaten, Nachbarsleute. Die Bürger glaubten, von den Füsilieren etwas Näheres erfahren zu können; aber die aus der Kaserne standen ebenso verdutzt vor dieser Kriegserklärung, wie vor einem großen, gewaltigen, erschütternden Naturereignis. Man war erst still, aber dann brach sich die Erregung Bahn; man schimpfte und lamentierte, man zog bedenklich die Augenbrauen und sprach auch wieder recht hochtrabend, man ballte zornig die Fäuste und faltete die Hände angstvoll zum Gebet, man lachte und weinte, man schrie ›Hurra‹ und flüsterte ›Gott erbarm dich‹ – dieser so, jener so. Aber des einen waren sich alle klar bewußt: das ließ man sich nicht gefallen! Zu frech war dem greisen König begegnet worden, zu frech hatte der Franzose den Fehdehandschuh hingeworfen! Neidisch war der, den Rhein wollte der haben! ›Unsern Rhein – kriegt er nicht! Hurra, mit Gott für König und Vaterland!‹
Eine jähe Begeisterung hatte sich plötzlich aller bemächtigt; Soldat oder Bürger, da war jetzt kein Unterschied, jeder fühlte sich gekränkt, angegriffen in dem, was ihm teuer war: König, Vaterland, Rhein.
Alle Arbeit wurde im Stich gelassen; die Handwerker liefen auf die Straßen, Meister und Gesellen. Die Wirtschaften waren gestopft voll, es wurde gelärmt und getrunken und auf den Tisch geschlagen: laß sie nur kommen, die Halunken, die Franzosen!
Aber auch ernste Gesichter sahen sich an – mit Frankreich wurde es heiß, das war kein Kinderspiel! Manch einem zitterte das Herz im Leib, wenn er draußen seinen Unmündigen, Stock auf der Schulter, im hellen Haufen der Knaben, trommelnd und pfeifend vorbeimarschieren sah. Die Jugend, die war schon mit ihrer Mobilmachung fertig, derentwegen konnte es gleich losgehen.
Bis in die Nacht hinein wogte es in der Kasernenstraße unruhig auf und ab, Bürgertracht und Uniform einträchtig bei einander. Wer zuerst angestimmt, wußte man nicht, helle Knabenstimmen mochten es wohl gewesen sein, aber kräftige Männerbässe fielen unverweilt ein – durch die dunkelschwüle, gewitterbange Julinacht zog laut und klangvoll das Lied von der ›Wacht am Rhein‹.
Josefine stand unter ihrer Thür und lauschte den Tönen, die stark zum Himmel stiegen. Ihre Mutter war am Nachmittag dagewesen in ratloser Verwirrung – das Kriegsgerücht hatte sie aus dem Mittagsschläfchen geschreckt – Herr Schnakenberg war in Karlsbad zur Kur! Josefine hatte ihr geraten, an ihn zu depeschieren. Frau Trina war außer sich, hatte sie ihm doch schon geschrieben: es sei nicht sicher, er solle nach Haus kommen. Aber er hatte es nicht geglaubt. ›Die Franzosen seien viel zu höflich, es gäbe keinen Krieg, Unsinn!‹ Was sollte sie nun machen, so allein, wenn die Franzosen nach Düsseldorf kamen? Die Tochter hatte sie beruhigt, und der Invalide war mit der Mutter zum Telegraphenbureau gehumpelt. Natürlich kam Ferdinand jetzt nicht wieder, sondern saß in irgend einem Wirtshaus fest.
Josefine war allein, ihren Kleinen hatte sie zu Bett geschickt; der hatte sich an ihre Seite geschmiegt, bis ihm die Augen zufielen. Nun wartete sie auf ihren Peter. Warum kam er nicht, wie sonst alle Abend, zu ihr herüber? Drängte es ihn denn nicht zu ihr? Sie fühlte ihr Herz heftig pochen ohne Unterlaß.