Das angstvolle Geraune der Stadt war endlich auch bis in die Kaserne gedrungen. ›Spicheren, mörderische Schlacht, Neununddreißiger fast aufgerieben!‹ Die Verwundeten rührten sich ächzend und spitzten die Ohren. Spicheren – da gab’s wieder neue Leidensgefährten.
Spicheren – die Wärter flüsterten es auf den Korridoren, die Nonnen bewegten betend die Lippen, die Ärzte zogen die Brauen erwartungsvoll hoch und sahen nach ihren Instrumenten.
Achtzehn Schiffe mit Verwundeten waren signalisiert, heut abend noch sollten sie eintreffen.
Josefine hatte noch nichts von den Gerüchten gehört. Sie saß am Bett eines Schwerkranken. Das war ein junger, französischer Fahnenträger; vielleicht daß er gerade die Fahne geschwenkt und schreien wollte: ›vive la France!‹ als die Granate krepierte, die ihm beide Arme zerschmetterte, und die Kugel geflogen kam, die ihm zur rechten Wange hineinfuhr und zur linken wieder hinaus. Vor wenig Tagen erst war er angekommen, und es hatte Josefine gegraust, als sie zum erstenmal sein nur notdürftig verbundenes, von Blut und Eiter bedecktes Gesicht gesehen. Und ganz seltsam war es ihr geworden, als sie ihn in ihres Vaters Stube fand, fast an derselben Stelle, wo einst dessen Bett gestanden. Auch der hatte hier gelitten.
Sie hatte die Zähne zusammengebissen und war dem Arzt zur Hand gegangen, so flink und so geschickt, daß Schwester Daria, die am Nebenbett Beschäftigte, ihr unter dem schwarzen Nonnenkopftuch hervor, zu dem die roten jungen Wangen und die blanken Augen seltsam standen, zugelächelt.
Auch jetzt lächelte Schwester Daria, als sie zum Bett des Fahnenträgers trat und Josefine die Tasse mit Milch, aus dem diese dem Dürstenden mit Mühe einige Löffelchen einflößte, aus der Hand nahm.
»Gehen Sie nach Haus,« sagte sie sanft. »Sie müssen Mittag essen und auch ein bißchen ruhen.«
»Und Sie, Schwester?«
Die Nonne sah heiter drein:
»O, ich! Ich bin das ja gewöhnt. Und da ist auch ein Jung’ draußen, der fragt nach Ihnen. Ich glaub’, es ist Ihr Sohn.«