Sie hielt sich mit der Hand am Fensterbrett, für einen Augenblick wurde ihr schwach. Hier an dieser Stelle, hinter den roten Geranienstöcken, die einstmals die Scheiben geziert, hier hatte sie oft als Kind und oft als Mädchen Auslug gehalten, hier hatte ihr der Vater das Märchen von Anno dreizehn erzählt – ei, wie hatte er doch gesagt?
›Und die keine goldenen Broschen und Armbänder hatten, ließen sich ihr schönes Haar abschneiden und opferten das für’s Vaterland.‹
Das hatte so herrlich geklungen, und – sie erinnerte sich dessen wohl – da hatte sie sich auch gern ihr Haar abschneiden lassen wollen für’s Vaterland.
»Ach –!«
Es war ein zitternder Seufzer, der jetzt ihrer Brust entfloh, beide Hände drückte sie gegen das hämmernde Herz – sie hatte mehr geopfert.
»Vater!« Sie wußte nicht, ob sie laut gerufen, sie wußte auch nicht, ob ihr Antwort ward, aber es hallte etwas durch die leeren Räume – horch! Ein Schauer überlief sie, kein Schauer der Furcht, ein Schauer heiliger Scheu.
Leise, auf den Zehenspitzen war sie hinabgeschlichen.
Nun rüstete auch sie zum Empfang. Kamen die Neununddreißiger wirklich jetzt bald, so sollten die guten Jungen auch alles finden, wie sie es liebten. Und wie sie’s liebten, das wußte sie ganz genau: kurze Pfeifen mit Porzellanköpfen und dem bunten Kaiser Wilhelm darauf; Knotenstöcke, recht derb in der Faust, stark, um’s Bündel dranzuhängen beim Wandern in die Heimat; und Taschentücher, Taschentücher, rot und gelb, groß wie Windeln, mit Schlachtenbildern und Pulverdampf und Kanonen und Franzosen und Preußen. Sie schaffte emsig in der Frühsommerwärme, ihre Wangen glühten dabei; sie dekorierte ihr Fensterchen, kroch auf einen Stuhl und ließ sich vom Bruder den Hammer reichen, um die Nägel einzuschlagen, dran die Guirlande hängen sollte. Grün, Grün in Menge wollte der Fritz aus dem Busch holen. Auch über die Thür sollte ein Kranz kommen, darin die Inschrift: ›Herzlich willkommen!‹ – O Gott, wie schön hätte der Peter das gemacht! Bitterliche Thränen schütteten ihr plötzlich über die heißen Wangen – ihr Peter, der kam nicht mit zurück!
Am letzten Sonntag, bevor die Truppen eintrafen erschien auf einmal Bruder Friedrich früh am Morgen. Mit Beginn des Friedens hatte er seine neue Stellung angetreten; er hatte es der Schwester geschrieben, aber Zeit zum Besuch hatte er bisher noch nicht gefunden. Nun kam er, in feierliches Schwarz gekleidet, einen Cylinder hatte er auf und feine Glacés an. Sie war erstaunt, wie stattlich er aussah; das war er nun wohl seiner neuen Stellung schuldig? Er trug einen Kranz aus Lorbeer gewunden, die ersten roten Rosen des Jahres darin.
»Finchen,« sagte er, zog den Handschuh ab und wischte sich mit der schwieligen Rechten gleichsam verlegen über die ernste Stirn, »nu is’t Friede, un ich hab’ en Stellung, wie ich se in meinem frechsten Traum mir nie hätt’ träumen können! Was unser Vater wohl dazu jesagt hätt’?! Heut’ is mein erster Feiertag. Komm, mach dich fertig, lassen wir all’ zusammen nach’m Kirchhof jehen!«