Sie machten sich auf den Weg. Schon war in vielen Straßen geflaggt. Die Bürger konnten es nicht mehr erwarten – bald, bald kamen sie ja! Es war heute milde, sanfte Luft, ein lichtgrau verhangener Himmel; noch schien die Sonne nicht, aber sie würde scheinen, man merkte es an der heller und heller sich färbenden Wolkenschicht. Grüner schimmerte das Grün der Bäume, erfrischt von einem köstlichen Getröpfel in der Frühe; die Kastanienbäume warfen schon breite Schatten, die Lindenbäume der Alleestraße strömten leisen Duft aus, ihre goldigen Blüten fingen an, sich zu öffnen.
In der Schaubschen Buchhandlung am Alleeplätzchen lauter Kriegsbilder und -Bücher: ›Dreißig schöne alte Lieder wider den Franzman‹ – ›Va banque Louis Napoléon‹ – ›Enthüllungen aus den Tuilerien‹ – ›Welche sollen des Deutschen Reiches Farben sein?‹ – ›Alldeutschland in Frankreich hinein! von Adolf Strodtmann‹ – ›Wachenhusens Tagebuch vom Kriegsschauplatz‹. – Hier ein kleines, rotes Büchlein in leuchtender Farbe mit dem Eisernen Kreuz: ›Kriegsdepeschen‹ – und dort: ›Kriegsgefangen. Erlebtes 1870 von Th. Fontane‹.
Schmetterlinge, bis hierher verflogen, streiften mit ihren zarten Flügeln das Schaufenster. Bienen summten, angelockt von den Blumendüften der Häuser; alle Leute hatten ihre Gärten geplündert, jetzt mußte man Sträuße im Fenster haben: Rotdorn und Goldregen, Iris und Pfingstblumen, letzten Flieder und erste Rosen, schöner blühte es doch nie mehr im Jahr. Heitere Mädchengesichter blickten darüber weg; manch einer Jungen klopften die Pulse: er kam wieder, nun war er bald da! Ob er sie noch kannte? Den Chignon hatte sie abgeschafft – wer mochte den wohl noch tragen? Einen Strauß wollte sie dem Geliebten werfen, einen Rosenstrauß, und einen Kranz, einen Kranz von lauter Lorbeer. Sie konnte es nicht erwarten.
Und die Kinder spielten vor den Thüren: der Vater kommt. Je, wie die Mutter vor Freuden aufschrie, wenn der Vater in die Thür trat! Und ob er was mitbrachte? Eine Puppe im Tornister oder ein kleines Chassepot? Sie konnten es nicht erwarten.
Und Eltern fragten sich: wie wird er aussehen, der Junge? Er hat gewiß einen Bart! Sie konnten es nicht erwarten.
Die ganze Stadt konnte es nicht erwarten. Man fühlte es ihr an, es lag in der Luft, es vibrierte im unruhigen Gebimmel der Sonntagsglocken, die über dem Gewirr der alten Gassen von der Bolkerstraße und Ratingerstraße her ertönten. Auch sie konnten es nicht erwarten, sich auszuhallen im Freudengeläut. –
Die Geschwister gingen still, Josefine zwischen den Brüdern. Der Invalide war in voller Uniform, und den Fritz hatte er neben sich, dann brauchte er kaum seinen Stock.
Im Hofgarten tirilierten die Vögel, stark duftete der Jasmin und all die andern blühenden Büsche; jedes Unkraut am Wegrand blühte, jedes Ding, noch so bescheiden, trug heute sein bestes Kleid.
Der Rhein rauschte hinter’m Napoleonsberg, und das Rauschen der Wellen mischte sich mit dem Wind, der die Wasser kräuselte, zur Melodie.
Selbst hier draußen am fernen Kirchhof merkte man die Erwartung der Stadt. Die Wege waren geharkt, das Unkraut ausgejätet, die Gräber geschmückt. Manch einer der Heimkehrenden würde doch herkommen, einen guten Kameraden zu besuchen.