Die Geschwister wandelten erst den breiten Mittelweg bis zum großen Kreuz. Das war eine Pracht von Rosen rechts und links, ein berauschender Duft! Man ging wie zwischen lauter Gartenbeeten.
Josefine war lange nicht hier gewesen, nun blickte sie erstaunt – was war das dort für ein herrliches Monument? Auf dunklem Sockel, ganz aus weißem Marmor, leuchtete es hinter schmiedeeisernem Gitter und hob sich blendend aus einem Flor von Blumen. Unwillkürlich hemmte sie den Schritt – dort waren Leidtragende.
Vor dem weißen Monument kniete eine ganz mit langen Trauerschleiern verhüllte Frauengestalt. Jetzt erhob sie sich; den Kopf tief gesenkt, ganz gebrochen, kam sie langsam daher am Arm eines Offiziers.
Der Invalide machte Front; ernst aber freundlich dankte der Offizier. Ei, das war mal ein jugendlicher Oberst! Noch ein schlanker, schöner Mann mit blitzenden Augen!
»Habt ihr dat Kreuz auf seiner Brust jesehn? Dat war ’t Eiserne Kreuz erster Klass’,« tuschelte ganz aufgeregt der Invalide.
Josefine hatte es nicht gesehen; auch nicht den eleganten Herrn in Civil, der dem Paar folgte, zwei schwarzgekleidete junge Mädchen neben sich. Sie hatte auch die Dame unter all den Schleiern nicht erkannt; wohl aber hatte ihr Blick, seltsam angezogen, während der kurzen Begegnung auf dem Gesicht des Obersten geruht.
Wer war das?! Den mußte sie doch kennen? Und da – plötzlich durchfuhr es sie – die Erinnerung kam rasch wie ein Pfeil – jetzt wußte sie’s: das war der Viktor gewesen!
Sie trat auf das Monument zu. Unter dem jungen sterbenden Helden, den ein Engel zum Himmel weist, stand mit goldenen Buchstaben eingraviert:
Eugen Ernst August vom Werth
Sek.-Lt. im Niederrh. Füsilier-Regt. Nr. 39.