Ja, Viktor von Clermont hatte hier mit seiner Schwester das Grab des gefallenen Neffen besucht.

Arme Cilly, hatte sie noch immer keinen Trost gefunden? Wie sie dahinwankte!

Noch einmal sah sich Josefine um, aber von den Trauernden war nichts mehr zu erblicken; es war ihr nur, als sähe sie noch ein letztes Blinken der Epauletten zwischen den Büschen.

Der Viktor –! Ein zartes Lächeln spielte um ihre Lippen: wie stattlich noch – und schon Oberst! Aber sein liebes Gesicht hatte er noch wie früher, nur nicht mehr so strahlend heiter und so vergnügt! Ach, so viele Jahre lagen dazwischen! Sie seufzte leicht: ach ja, da war sie eben an ihrer Jugend vorbeigegangen!

Sie stand in Gedanken verloren – ja, ja, heute morgen, als sie vor’m Spiegel ihr Haar gekämmt, hatte sie die ersten grauen Fäden im noch vollen Blond gefunden.

Fritz zupfte sie am Ärmel und drängte voran, die Onkels waren schon weiter gegangen. Da raffte sie sich auf und machte große Schritte.

Das Grab von Feldwebel Rinke lag jetzt nicht mehr abseits und allein, mit wenigen ungepflegten Hügeln in der Nähe. Jetzt waren hier rund herum auch Blumen gepflanzt und die Hecke erweitert; es grünte Hügel bei Hügel, es ragte Kreuz bei Kreuz. Franzosen und Deutsche reihten sich dicht um des alten Preußen Grab.

Friedrich legte seinen Lorbeerkranz darauf nieder. Josefine bückte sich, um hier und da zu ordnen und ein Unkräutchen auszurupfen; sie kniete dabei hin und blieb so knieend, eine lange Weile.

Um sie die große Stille. Kein Laut zwischen Himmel und Erde. Regungslos stehen die Büsche. Kein Säuseln in den Bäumen, die Wolken dicht. Doch jetzt ein starker Luftzug vom Rhein her, man hört die Wellen rauschen, der Wind ist umgesprungen. Und jetzt kommt er plötzlich daher und beugt die stolzen Kronen und bläst in die grauen, verhängenden Wolken, daß sie auseinanderfahren wie eilends geschobene Kulissen. Das geht mit Zauberschnelle – Hülle fällt auf Hülle – der letzte Vorhang weg – da steht sie, die Sonntagssonne, voll im Mittag, ohne Schleier, groß, blendend, leuchtend, und lacht hinunter auf die strahlende Erde.

›Jetzt scheint die Sonn’, Vater, siehst du?!‹ Es war Josefine fast, als müsse sie ihm das laut hinunterrufen in seine dunkle Kammer. Eine kindliche Liebe ergriff sie heiß zu dem Toten. Sie murmelte: