Ein Wehen geht durch die Lande, leis noch, kaum fühlbar, aber ein Wehen so eigner Art, daß die einen begeistert rufen: »Frühling, Frühling!« und die andern erschreckt: »Sturm, Sturm!«
Frühling –?! Noch war es nicht an der Zeit. Schnee flockte noch vom Himmel und begrub die grünen Hoffnungen.
Es war das Jahr 1847.
Der weite Düsseldorfer Exerzierplatz lag noch einmal, nachdem die Februarsonne schon schmelzend geschienen, in tiefem Winter; am Kanalrand waren die vorwitzig knospenden Veilchen erfroren.
An dem Fensterchen der Feldwebelwohnung stand Josefine Rinke am Sonntag nachmittag und hauchte ihren warmen Atem gegen die bereifte Scheibe. Ihre Wangen waren heiß, ihre volle Brust hob und senkte sich rasch. Nun zeigte ein verstohlenes Lächeln ihre gesundweißen Zähne; ihr Blick wurde glänzend – was hatten die Offiziere auf dem Kasernenhof heut doch hinter ihr drein geflüstert? ›Schönes Mädchen‹ – ah, schönes Mädchen! War sie denn schön?! Sie schloß halb die Augen und legte den Kopf in den Nacken; mit einer unwillkürlichen Bewegung hob sie beide Arme und drückte sie an ihre Brust. Da innen klopfte es so stark, so voll. Das war ihr Herz. Poch, poch, wie ein Hammer. Und jeder Hammerschlag trieb ihr das Blut rascher durch die Adern.
»Nanu,« sagte der Vater vom Tisch her und schlug so kräftig auf seine Zeitung, daß die Tochter sich nach ihm umwendete. »Was wollen sie nu schon wieder? Immerzu stänkern!«
Der Feldwebel ärgerte sich stets, wenn er die Zeitung las. Mit ein paar Kameraden zusammen hielt er sich das Düsseldorfer Kreisblatt. Man erfuhr ja sonst gar nichts von der Welt, und das that doch jetzt not; es verlangte einen zu wissen, wo’s zuerst losgehen würde, ob in Frankreich oder Spanien, ob in Bayern oder Baden, in Nassau, Württemberg oder Hessen, ob in Portugal oder Dänemark und wie die Länder alle heißen. Überall war’s nicht recht geheuer.
»Was« – er regte sich ordentlich auf – »Verfassungsreform?! Was wollen die Schreier denn? Unser Herr und König regiert, wie seine Vorfahren regiert haben, und die haben Preußen groß gemacht. Bande! Verfassungsreform – was heißt das?!«
»Vater,« sagte Josefine, trat an den Tisch und guckte ihm über die Schulter in’s Zeitungsblatt, »kuckste, da steht et ja: ›Ausgleichung, Versöhnung zwischen Thron und Volk! Die Krone muß freiwillig eine wirkliche, den Zeitforderungen entsprechende Verfassung verleihen.‹ Die Krone, damit is der König jemeint, jelt, Vater! Aber dat andre versteh’ ich nit!«
»Na, das ist so, wenn – hm – als ob« – der Feldwebel kratzte sich hinter dem Ohr – »ä, hol’ sie alle der Teufel! ’reinquatschen wollen sie eben, wenn unser König was befiehlt. Er ist unser Herr, er allein hat zu kommandieren, und wir zu gehorchen – was, was sagst du?«