Josefine hatte etwas in sich hinein gemurmelt; nun kreuzte sie die Arme über der Brust und warf den Kopf in den Nacken. »Beim Metzger in der Bastionsstraß’ haben sie heut jesagt: dat Volk hätt’ auch sein’ Forderungen. Da haben se doch janz recht in, Vater, man will doch auch en Wort sagen dürfen.«

»Dumme Gans!« So heftig hatte sie der Vater fast noch nie angeschrieen. »Was verstehst du davon? Von morgen ab holst du’s Fleisch wo anders – nicht bei dem Kerl, verstanden?!« Mit gerunzelter Stirn vertiefte er sich wieder in die Zeitung.

Stumm war Josefine an’s Fenster zurückgetreten, aber sie konnte es nicht unterlassen, die Achseln zu zucken: Der Vater hörte eben nicht alles, was die Leute sagten – was die schimpften! – beim Bäcker, beim Metzger, auf dem Gemüsemarkt. Es müsse anders werden! Was anders werden müsse, sagten sie freilich nicht.

Auch der Großvater schimpfte. Der mochte gar nicht mehr ausgehen, saß immer auf der Ofenbank oder in seinem Lehnstuhl im Comptörchen und drehte die Daumen umeinander. Auch durch’s Fenster guckte er nicht, denn die Leute, mit denen er alt geworden, gingen nicht mehr vorüber, und die jungen interessierten ihn nicht.

Der arme Großvater! Tief atmend drückte Josefine die Hand auf’s Herz – nur nicht alt sein! Immer jung, immer frisch, sich freuen! Die Welt war ja so schön, und brachte mal ein Tag Verdruß, gleich machte es der andre doppelt gut. Wie die Offiziere sie angelächelt hatten! Sie war das gewohnt, aber es machte ihr doch jedesmal wieder Spaß. Und die Sergeanten, die Unteroffiziere und Gefreiten waren doch auch nette Leute! Manch einer unter ihnen fast ebenso schneidig, mit ebenso schlanker Taille, wie ein Herr Leutnant. Alle Soldaten waren nett. Nur keinen Bürger heiraten! Einer müßte es sein, mit roten Streifen längs der Hosennaht, mit blanken Knöpfen am Rock, mit einem gebräunten Soldatengesicht, dessen Stirn einzig da, wo der Helm geschützt, einen Streifen helleres Weiß zeigte.

Der Feldwebel wußte gar nicht, warum seine Tochter plötzlich zu ihm an den Tisch gesprungen kam, den Arm um seinen Hals schlang und die weiche Wange auf seinen Scheitel drückte.

»Na, na,« machte er unwirsch und rührte sich doch nicht; die weiche Wange that ihm wohl, wie ein warmer Strom floß es von ihr durch seinen Körper. Und in der Stube war’s kalt, man konnte im Februar nicht mehr stark heizen, so reichlich waren die drei Klafter geliefertes Holz nicht.

»Na,« sagte er noch einmal und lächelte, »was ’s denn los?«

Aber sie antwortete nur mit einem festeren Druck und einem leichten Lachen und hüpfte dann auf ihren früheren Platz zurück. Die Stirn gegen die Scheibe gelehnt, starrte sie hinaus auf den weißen Schnee des Exerzierplatzes. Es wollte schon dämmern, jenseits über’m Kanal versanken die schönen neuen Häuser der Königsallee allmählich hinter einem feinen Schleier.

So wie heute hatte Josefine, während die Mutter noch in der Kammer ihr Mittagsschläfchen hielt, in mancher Sonntagsdämmerstunde hier gestanden; wochentags hatte sie keine Zeit zum Träumen, da gab’s zu waschen und zu kochen, zu kehren und zu scheuern, den Brüdern die Kittel und Strümpfe zu flicken. Die Mutter schonte sich jetzt, da sie eine erwachsene Tochter hatte; es that ihr auch not, nach den vielen Wochenbetten. Und eine Kleinigkeit war’s auch gerade nicht, mit zwölf Thalern siebzehn Silbergroschen sechs Pfennigen monatlicher Löhnung, alle Zulagen eingerechnet, auszukommen; wenn auch die Großeltern heimlich wacker zusteckten und, war der Feldwebel nicht zu Hause, Mettwurst, Schinken, Blatz, Schmierchen, Kappes, Bier, alles mögliche Eß- und Trinkbare vom ›Bunten Vogel‹ her in die Küche wanderte, es blieb eine Kunst, so viele Mäuler zu stopfen.